So kann’s gehen : Muss ich Grußkarten schreiben?

Elisabeth Binder

Kürzlich bekam ich von einer Bekannten eine Grußkarte, die einen schönen Frühling wünscht. In der Buchhandlung sah ich Karten mit Ostermotiven. Muss man jetzt auch zu Ostern schreiben? Das wird doch immer stressiger.

Es wäre Quatsch, sich Zwängen zu unterwerfen, die im Grunde aus der Grußkartenindustrie hervorgehen. Ich kann mir schon vorstellen, wie die Brainstormings da aussehen. „Bei welchem Fest könnten wir unseren Absatz noch ausbauen?“, heißt die erste Frage. Nach Ostern kommt die Urlaubsanfangskarte, dann die Halloweenkarte, und dann ist ja auch schon wieder Weihnachten. Am Ende sieht man vor lauter Karten den Wald nicht mehr, in dem man gern spazieren gehen würde, statt am Schreibtisch unter Grußverpflichtungen zu ächzen. Andererseits kommt es aber vor, dass man bei den Weihnachtskarten liebe oder wichtige Menschen vergessen hat und das wiedergutmachen möchte. Oder man möchte sich in Erinnerung bringen, weiß aber nicht so recht, wie. Dann spricht nichts dagegen, irgendeinen Anlass mithilfe einer Grußkarte zu nutzen. Gute Wünsche sind doch fast immer willkommen. Es ist auch okay, die Feiertage zu nutzen, weil man ja dann die meiste Zeit hat. Das Gefühl, man sei verpflichtet, sich zu melden, sollte nie ausschlaggebend sein, bei keinem Festtag. Wenn Ihnen aber übers Jahr Leute einfallen, die sich einfach freuen würden, mal Post zu bekommen, zum Beispiel weil sie gerade eine Trennung hinter sich haben oder pensioniert wurden, dann legen Sie auf jeden Fall los. Ich glaube, der Trend geht zum lockeren Gebaren beim Grußaustausch. Je mehr Anlässe die Kartenindustrie nämlich kreiert, desto weniger wird man sich verpflichtet fühlen, an einem ganz bestimmten Fest aktiv zu werden. Am Ende wird man vielleicht sparsamer, aber umso fantasievoller mit den Möglichkeiten umgehen, die zum Beispiel auch selbst gestaltete Grußkarten so bieten.

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