So kann’s gehen : Muss ich mich duzen lassen?

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In beruflichen Zusammenhängen habe ich kürzlich einen früheren Mitschüler aus der Parallelklasse wieder getroffen, der mich fröhlich duzte. Ich mochte ihn damals schon nicht, fand ihn wieder unsympathisch und würde ihn lieber siezen, zumal ich den Verdacht habe, dass er mich beruflich ausnützen will.

Dass man einen ehemaligen Mitschüler plötzlich siezt, kann ich mir nur schwer vorstellen. Das ist, als würde man seine Kindheit leugnen. Sehr gut verstehen kann ich den Wunsch, sich von einem Schnösel zu distanzieren. Denn natürlich mag man es ungerecht finden, durch eine zufällige Schulgemeinschaft für den Rest des Lebens verdonnert zu sein, einen unsympathischen Menschen zu duzen. Vielleicht sollten Sie einen Kompromiss finden. Es gibt beim „Du“ unendlich viele Abstufungen. Denken Sie bloß an die englischsprachige Welt. Es gibt nur ein „you“, das den geliebten Freund ebenso adressiert wie den mehrfachen Kindsmörder. Es hat unendlich viele Facetten, und eine solche Bandbreite kann man dem deutschen „Du“ ja auch geben.

Ein „Du“ aus der Kindheit verpflichtet zu nichts. Man muss deshalb nicht einen längst aufgegebenen Kontakt intensivieren oder sich zu beruflichen Gefälligkeiten überreden lassen. Es kann aber nicht schaden, nach außen eine distanzierte Freundlichkeit zu pflegen. Ein unverbindlicher Small Talk lässt alle Möglichkeiten offen. Jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er unsympathisch ist, kann ein Fehler sein. Schlägt der frühere Schulkamerad ein Treffen vor, haben Sie gerade keine Zeit. Fragt er nach einer Gefälligkeit, bieten Sie an, drüber nachzudenken und kommen Sie nie wieder darauf zurück. Weitere Kontaktaufnahmeversuche brauchen Sie ja nicht zu erwidern. Ein „Du“, das allein historische und keinerlei freundschaftlichen Gründe hat, raubt Ihnen wirklich nichts von Ihrer Souveränität und Unabhängigkeit.

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