So kann’s gehen : Schweigen oder reden?

Elisabeth Binder

Vor 25 Jahren verlor ich ein Badehandtuch vom Rad und sah nach einer Weile, wie eine Bekannte es aufhob und mitnahm. Ich grüßte sie, ohne zu erwähnen, dass es mein Handtuch war. Kürzlich erzählte ich ihrem Sohn davon und bekam darauf das Handtuch zurückgeschickt. Hätte ich damals was sagen oder jetzt schweigen sollen? Wie gewinne ich die Gunst der Finderin zurück?

Was für eine hübsche Geschichte über die menschliche Schwäche, im falschen Moment zu schweigen. Das gäbe ja schon fast Stoff für einen Roman. Zu denken, dass ein gefundenes Handtuch über ein Vierteljahrhundert alle Umzüge mitmacht, dass es Kinder groß werden sieht und immer dieses kleine Geheimnis in sich birgt. In einem Roman wäre es so: Vielleicht wollte sie ein Pfand von Ihnen, wollte Ihnen Gelegenheit geben, wann auch immer bei ihr vorzusprechen, um das gefundene Handtuch in einen fliegenden Teppich zu wandeln, der Sie schnurstracks in eine neue Dimension der Freundschaft katapultiert.

Das richtige Leben ist natürlich nicht so romantisch. Es war Ihnen beiden peinlich. Vermutlich haben Sie gedacht, die Finderin wolle sich das Handtuch unter den Nagel reißen, und diese fühlte sich ertappt, obwohl sie sich gar nichts Böses dabei gedacht hat, als sie es aufhob. Womöglich hat es einfach ihren Ordnungssinn gestört.

Sie schreiben, bei der Finderin habe es sich um die von Ihnen hochgeschätzte Mutter eines jüngeren Freundes gehandelt. Da gibt es doch wirklich Anknüpfungspunkte genug. Ich würde mich mit einer Einladung zu einem Handtuch-Cocktail bedanken, zu dem auch der jüngere Freund und Mitglieder Ihres eigenen persönlichen Umfeldes eingeladen werden. Dieses Handtuch hat Sie auf unausgesprochene Weise miteinander verbunden. Irgendetwas wird es schon geben, was eine Freundschaft sinnvoll macht. Finden Sie es doch einfach heraus.

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