So kann’s gehen : Soll ich beim „Du“ bleiben?

Immer wieder sonntags fragen Sie Elisabeth Binder

Elisabeth Binder

Kürzlich habe ich auf einem schönen Fest lange mit einem Mann zusammen gestanden, den ich sehr sympathisch finde und mit dem ich manchmal auch geschäftlich zu tun habe. Wir hatten beide schon etwas getrunken und uns irgendwann gegenseitig das Du angeboten. Da wir uns nur selten sehen, kam es mir bei der nächsten Begegnung komisch vor, das „Du“ in die Tat umzusetzen.

Das Feld zwischen gefühltem „Du“ und praktiziertem vernünftigem „Sie“ ist unendlich weit. Wäre es besser, wir sprächen alle Englisch, sagten „you“ zueinander und hätten dieses blöde Problem nicht? Nein, im Grunde ist es ein Vorteil, sich auf sprachlicher Ebene mit dem Inhalt von Beziehungen auseinandersetzen zu müssen. Denn das führt dazu, dass man ehrlicher mit sich und seinen Mitmenschen umgeht. Offenbar besteht zwischen Ihnen und diesem gelegentlichen Geschäftspartner eine Sympathie, die sich wahrscheinlich aus Zeitmangel nicht ausleben lässt. Träfen Sie sich regelmäßig im Sportverein, würden Sie sich selbstverständlich duzen.

Die zeitliche und räumliche Distanz versperrt den Weg vom gefühlten zum praktizierten „Du“. Das ist kein Grund, rumzueiern und auf Anreden künftig ganz zu verzichten. Wenn es den Austausch aus Ihrer Sicht einfacher macht, kehren Sie einfach kommentarlos zum „Sie“ zurück. Gleichzeitig sollten Sie Ihrer grundsätzlichen Sympathie Ausdruck verleihen, indem Sie die Hoffnung signalisieren, dass sich irgendwann mal auch private Anknüpfungspunkte ergeben. Das muss ja nicht sofort sein. Man muss nur offen sein für die Möglichkeit. Wer weiß, vielleicht kommt irgendwann mal der Moment, wo Sie wieder beisammen stehen und sich fragen: „Wollten wir uns nicht eigentlich duzen?“ Sympathie geht durch sprachliche Stolpersteine nicht verloren, und im geschäftlichen Umgang sollte man immer eine Form wählen, mit der man sich aktuell wohlfühlt.

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