So kann’s gehen : Soll ich grüßen?

Elisabeth Binder

Als ich heute Morgen im Bus zur Arbeit fuhr, stieg eine Kollegin aus einer anderen Abteilung ein, mit der ich wenig Kontakt habe. Sie beachtete mich gar nicht, was mich etwas vergrätzte. Hätte ich sie grüßen müssen?

Es ist nach meinem Gefühl wenig produktiv, anderen Menschen immer gleich etwas Negatives zu unterstellen. Vielleicht war die Kollegin in Gedanken und hat Sie einfach nicht gesehen. Kann doch auch sein, dass sie schwere Sorgen hat und nicht in der Lage ist, ihre Umwelt richtig wahrzunehmen. Natürlich sollen Sie sie grüßen und bitte besonders freundlich, gerade wenn sie Sie nicht gleich erkennt. Was spricht dagegen, wenn Sie die Leute zuerst grüßen? Sind Sie vielleicht schon älter, fühlen sich der Honoratiorenfraktion angehörig? Gerade dann überraschen Sie jüngere Kollegen, indem Sie nicht herablassend auf Ergebenheitsbekundungen warten. Natürlich würde ich nach wie vor Jüngeren raten, die Älteren zuerst zu grüßen, einfach weil es eine nette Geste ist, und weil ich es für richtig halte, dem leider immer wieder aufflackernden Alten-Mobbing entgegenzuwirken. Wenn die Kollegin in Ihrem Alter ist und auf Ihrer Hierarchie-Ebene, dann reicht auch einfach das Motiv, freundlich zu sein. Vielleicht hätte sich durch Ihren Gruß ein nettes Gespräch ergeben, daraus ein kreativer Gedanke, eine überraschend vereinbarte Zusammenarbeit. Man muss guten Entwicklungen immer eine Chance geben, indem man sich so offen verhält wie möglich. Das trägt zur Lebensqualität bei, weil es Überraschungen den Weg bereitet.

Am besten Sie denken gar nicht so viel nach, sondern machen es sich zur Angewohnheit, immer erst mal freundlich zu nicken, wenn Sie irgendwo ein bekanntes Gesicht entdecken. Und machen sich, wenn es denn sein muss, erst anschließend Gedanken, ob das auch gerechtfertig war. Ihre Lieblingsfeinde dürfen Sie zur Not von dieser Regel ausnehmen.

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