So kann’s gehen : Soll ich mich beschweren?

Sollte man eine Nachbarin darauf ansprechen, wenn sie heimlich in der eigenen Wohnung war? Immer wieder sonntags fragen Sie Elisabeth Binder.

Elisabeth Binder

Vor einigen Tagen hatte ich keine andere Möglichkeit, als meinen Wohnungsschlüssel bei einer Nachbarin zu hinterlegen, damit meine Nichte ihn sich bei ihr abholen konnte. Am Abend hatte ich den fast 100-prozentigen Beweis, dass die Nachbarin in meiner Wohnung war, ohne dass ich es ihr gestattet hatte oder dass es einen Anlass gab. Ich bin sehr ärgerlich über diesen Vertrauensbruch. Soll ich sie darauf ansprechen?



Es ist immer gut, sich vorher zu überlegen, was passieren könnte. Mit der Neugier der Menschen muss man rechnen. Sie hätten ihr den Schlüssel natürlich auch in einem verschlossenen Briefumschlag geben können, mit dem Namen der Nichte drauf. Dann hätten Sie eine gewisse Kontrolle behalten, dass da wirklich niemand eine Chance nutzt, mal in Ihre Schränke zu gucken. Ganz sicher sind Sie ja offenbar nicht, dass die Nachbarin die tatsächlich inspiziert hat. Da der Verdacht Ihren Ärger anstachelt, sollten Sie abwägen: Sprechen Sie die Nachbarin darauf an, könnte das Klima im Hause leiden. Lassen Sie es, wächst vielleicht der unterdrückte Ärger, und das Klima leidet ebenfalls. Beides ist auch für Sie selber schädlich.

Beim nächsten Mal geben Sie entweder einer anderen Nachbarin den Schlüssel oder, fast besser noch, Sie geben derselben Nachbarin den Schlüssel im verschlossenen Umschlag. Dann merkt sie vielleicht, dass Sie Verdacht geschöpft haben. Reicht Ihnen das nicht, sollten Sie erst mal den Ärger verrauchen lassen, weil man keine guten Gespräche führen kann, wenn man wütend ist. Sobald Sie sich in der Lage fühlen, die Nachbarin in einem möglichst leichten Tonfall zu fragen, ob sie in die Wohnung geschaut hat, tun Sie es möglichst ohne Vorwurf in der Stimme. An der Reaktion merken Sie vielleicht, ob da was war oder nicht. Wie immer Sie sich entscheiden, ohne einen Akt des Verzeihens Ihrerseits wird auf die Nachbarschaft ein Schatten fallen.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an:

meinefrage@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar