So kann’s gehen : Wann darf ich nach Hause gehen?

Immer wieder sonntagsfragen Sie Elisabeth Binder

Elisabeth Binder

Im Gegensatz zu meiner Frau langweile ich mich auf größeren Gesellschaften immer recht schnell. Aber selbst, wenn es ihr nicht gefällt, will sie auf keinen Fall als Erste gehen und nicht vor 23 Uhr, weil das sonst eine Beleidigung für den Gastgeber wäre. Wie kann man deutlich machen, dass man sich über die Einladung gefreut und sich wohl gefühlt hat, aber nicht unbedingt stundenlang bleiben will?

Dieses Problem dürfte eigentlich gar keines sein. Wissen Sie, wie viele Gastgeber es gibt, die heimlich stöhnen, weil die Gäste nicht gehen wollen? Wie viele Partys gar nicht stattfinden aus Angst, von höflich sein wollenden Gästen in der eigenen Wohnung in Geiselhaft genommen zu werden? Es wäre schön, wenn sich angloamerikanische Sitten durchsetzten, nach denen eine Einladung nach zwei bis drei Stunden zu Ende ist.

Natürlich kann man auch vor 23 Uhr gehen, ganz besonders wenn es einem nicht gefällt. „Ihr habt euch viel Mühe gegeben, danke, dass ihr uns eingeladen habt, aber nun müssen wir langsam aufbrechen“: Das reicht doch. Da muss man sich nicht noch große Rechtfertigungen ausdenken. Wenn Ihre Frau Sorge hat, es sich durch einen ehrlichen Rückzug zu einer menschlichen Zeit mit den Gastgebern zu verderben, stimmt das Verhältnis insgesamt vielleicht nicht. Es tut Beziehungen meistens ganz gut, wenn man auf Heuchelei und Lügen verzichtet.

Auch Gastgeber sollten Gäste nicht zum Bleiben drängen, wenn sie eigentlich selber müde sind, aber glauben, aus Gastfreundschaft Freunde nicht zu rasch aus ihren Klauen entlassen zu dürfen. Das ist alles Unsinn. Wenn man in ein Gespräch vertieft ist, das spürbar alle fesselt, wenn ein Menü noch nicht aufgegessen ist, das wunderbar gelungen ist, kann man sich ein bisschen zusammenreißen. Ansonsten gilt ein alter Spruch: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.

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