So kann’s gehen : Wen muss man zuerst grüßen?

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Oft ärgere ich mich über eine Kollegin, die sich viel auf ihre gute Kinderstube einbildet. Aber immer, wenn sie den Raum betritt, grüßt sie zuerst den jüngsten Kollegen, dann einen etwas älteren Kollegen und ganz zum Schluss, wenn überhaupt, auch noch mich. Ist das nicht rasend unhöflich?

Sie mögen die Gründe, die es für das Verhalten der Kollegin geben könnte, nicht gut finden. Aber vielleicht wollen Sie sie in Erwägung ziehen. Gerade jüngere Kollegen leiden manchmal unter Schüchternheit. Da kann es nützlich sein, ihnen deutlich zu machen, dass sie wahrgenommen werden – und zwar nicht als letztes Glied in der Kette. Um eine gewisse Kenntnis von formellen Grüßordnungen doch erkennbar werden zu lassen, hat die Kollegin die traditionelle Ordnung vielleicht einfach auf den Kopf gestellt. In dem Fall würden Sie den nur halb gelungenen Versuch, besonders feinfühlig aufzutreten, zu Unrecht übel nehmen. Mit dem Übelnehmen sollte man sowieso sparsam umgehen. Vieles ist gar nicht so böse gemeint, wie es rüberkommt. Könnte doch sein, dass die Kollegin keine frauenfeindliche Zicke, sondern nur Feministin ist und ihr Verhalten für ritterlich hält. Oder sie arbeitet mit dem jungen Kollegen zusammen an einem Projekt und spricht ihn nur deshalb zuerst an, weil sie sofort zum Punkt kommen will.

Es ist wirklich ein Phänomen in Zeiten, da Multitasking selbstverständlich zum Lebensstil gehört, dass viele Menschen immer tiefer in sich versunken durch die Gegend laufen und selbst alte Bekannte nicht mehr grüßen. Die ständige Verfügbarkeit via Handy und Internet hat vielleicht dazu geführt, dass die Kommunikationskapazität von Angesicht zu Angesicht abnimmt. Irgendwo müssen ja Abstriche gemacht werden, wenn der Speicher überläuft. Dabei ist ein aufmerksamer Gruß auf der Straße oder im Aufzug mehr wert als eine triviale Mitteilung via Handy.

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