So kann’s gehen : Wie bleibe ich ein alter Mann?

Elisabeth Binder

Wie kann ich mir die Anrede „Junger Mann“ verbitten? Obwohl ich schon 60 bin, kommt es immer wieder vor im Einzelhandel und in der Gastronomie, dass ich so angeredet werde. Es beeinträchtigt mein Selbstbewusstsein nicht wirklich, aber es stört mich.

Diese Anrede kann in der Tat sehr herablassend wirken, obwohl sie vermutlich überhaupt nicht so gemeint ist. Ich kenne die Anrede in der Variante „Junge Frau“ auch, vor allem von kleinstädtischen Märkten. Sie wirkt furchtbar altmodisch. Entweder jemand ist wirklich jung, dann will er gern älter sein. In dem Moment, wo er das nicht mehr ist, wird er vermutlich nicht gern daran erinnert. Insofern wandelt sich das, was als fadenscheiniges Kompliment gedacht war, ganz leicht in ein schmerzliches Memento an das Fortschreiten der Zeit. Statt des Wohlwollens, das ein Geschäftsmann mit der vermeintlichen Schmeichelei auf sich ziehen will, wird er nur das Gegenteil erreichen.

Wie sich wehren? Das ist nicht so leicht, da man ja nicht prophylaktisch agieren kann, es sei denn in seinem Stammlokal oder einem Geschäft, in dem man regelmäßig einkauft. Da würde ich einfach sagen: „Ich bin leider nicht so jung, wie ich in Ihren Augen offenbar aussehe, aber vielleicht darf ich Ihnen meinen Namen verraten.“ Wenn Sie diesen nicht preisgeben möchten, lassen Sie den letzten Teil einfach weg und sagen stattdessen: „Bitte reden Sie mich nicht so an, das nervt mich.“

Natürlich ist es für Geschäftsleute schwer mit den Anreden. „Guter Mann“ oder gar „Gute Frau“ wirken genauso altbacken. Eine Getränkehändlerin sagt immer „Frau ähhhh“. Finde ich nicht schlecht, auch wenn darin natürlich die Frage nach dem Namen verborgen ist. Wenn denn eine Anrede unbedingt sein muss, sollte man vielleicht „Herr Kunde“ oder „Frau Kundin“ versuchen. Klingt aber eigentlich auch schrecklich. Also am besten einfach weglassen.

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