So kann’s gehen : Wie ehrlich soll ich sein?

Elisabeth Binder

Geschäftlich bin ich viel in den USA unterwegs, wo man auf die Frage „Wie geht’s?“ ein schlichtes „fine“ bekommt. Mich nervt die Wehleidigkeit deutscher Gesprächspartner, die auf entsprechende Fragen all ihre Wehwehchen ausbreiten. Wie kann man das stoppen?

Nun könnten Sie, positiv denkend wie ein Amerikaner, froh sein, dass die Menschen so ehrlich sind zu Ihnen. Aber natürlich kann ich Ihr Unbehagen nachvollziehen. Das schützende US-Ritual, bei dem beide Seiten nach dem Befinden fragen und das „fine“ allenfalls durch ein „great“ abgewandelt wird, will ja gar kein Informationsaustausch sein. Es handelt sich dabei schlicht um eine Höflichkeitsformel. Im Deutschen ist das nicht ganz so klar. Es ist in Ordnung, guten Bekannten gegenüber anzudeuten, dass man nicht in Topform ist. Aber man sollte nur dann ins Detail gehen, wenn man ausdrücklich dazu ermuntert wird, und die Situation das erlaubt. Es ist etwas anderes, ob man abends mit Freunden beim Wein zusammensitzt oder kurz vor Konferenzbeginn noch ein bisschen Smalltalk mit Kollegen macht. Wenn man sich trotz Grippe zur Arbeit geschleppt hat und zu Hause die Luft brennt oder es andere Gründe gibt, warum man nicht so strahlend auftritt, finde ich es durchaus angezeigt, auf ein unverbindliches „Wie geht’s?“ mit „suboptimal“ oder „ausbaufähig“ zu antworten.

Dabei sollte man es aber belassen, es sei denn, man wird ausdrücklich gefragt, was los sei und ist so vertraut miteinander, weiter ins Detail zu gehen. Lange unappetitliche Krankheitsgeschichten, Selbstmitleid und Wehleidigkeiten aller Art sollte man auch Freunden nach Möglichkeit ersparen. Man muss sich nicht in jedem Fall verstellen, aber ein bisschen Haltung und Rücksichtnahme auf die anderen sind durchaus nützlich. Niemand möchte gern als Jammerlappen gelten. Ehrlichkeit ist schön und gut, verlangt aber nicht, dass man immer alles sagt.

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