So kann’s gehen : Wie fein muss ich mich machen?

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Bei der Hochzeit meines Neffen trug ich passend zum Designeranzug ein dunkelgraues langärmeliges seidenes T-Shirt von Armani. Irgendwann wurden die Jacketts abgelegt, und nun sind Bruder und Schwägerin nachhaltig empört, weil ich kein Hemd getragen habe. Es gab aber keinen Dresscode.

Das ist wieder so ein Fall, bei dem es mir leidtut zu sehen, worüber sich die Menschen so ärgern können. Eigentlich ist das doch pure Zeitverschwendung. Sicher, es wäre diplomatisch gewesen, sich möglichst konventionell fein herauszuputzen für die Hochzeit des Neffen. Damit signalisiert man, dass man diese Veranstaltung mit dem gebührenden Ernst und der notwendigen Ehrfurcht besucht. Andererseits sind die Kleidervorschriften schon lange nicht mehr so eng, wie sie mal waren. Das Etikett eines berühmten Designers macht aus einem T-Shirt zwar kein Frackhemd. Aber es vermittelt dem Träger das Gefühl, sich gleichzeitig fein gemacht zu haben und trotzdem entspannt und gemütlich zu fühlen.

Wenn sich Ihr Bruder und Ihre Schwägerin darüber echauffieren, könnte einem das fast ein wenig kleinlich vorkommen. Andererseits ist so eine Hochzeit oft mit erheblichem Aufwand und Stress verbunden. Wenn man den loswerden will, braucht man ein Ziel, um Dampf abzulassen. Gut möglich also, dass Ihr T-Shirt nur den Vorwand lieferte, um sich ein bisschen Luft zu machen. Das können Sie großzügig wegstecken.

Vergessen Sie aber nicht, beim nächsten Familientreffen vorher nach dem Dresscode zu fragen. Wer sich vor unliebsamen Überraschungen schützen möchte, ist immer gut beraten, wenn er die Einladungen zu einem großen Fest mit einem Kleidungsvorschlag versieht. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie und Ihr Bruder über diese Episode schon bald im Anekdotentonfall sprechen können.

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