So kann’s gehen : Wie gehe ich mit alter Gabe um?

Elisabeth Binder

Meine Tochter wohnt in einem kleinen Dorf in der Heide. Zu einem großen Fest brachte die Schwiegermutter im Auftrag einer alten Bekannten eine Schale mit Schokoladenteilen mit der Bitte, sie an die Gäste zu verteilen. Als meine Tochter merkte, dass das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war, da die Süßigkeiten von 2006 und 2007 waren, weigerte sie sich, woraufhin die Schwiegermutter das Fest verließ. Hätten wir die Gabe stillschweigend verschwinden lassen sollen?

Die Süßigkeiten nicht zu verteilen, war in jedem Fall richtig. Der Anblick alter Schokolade kann einem ja schon die festliche Stimmung vermiesen. Dass diese Gabe aus einer Situation der Armut heraus geschickt wurde, kann ich mir schwer vorstellen. Geiz und der Wunsch, etwas zu entsorgen, was einem selbst zu schade zum Wegschmeißen ist, aber auch zu alt zum Essen, erscheint mir wahrscheinlicher, wenngleich ziemlich monströs. Hat man den Eindruck, dass dies das Motiv ist, kann ein skeptischer Hinweis durchaus richtig sein. Wobei ich immer darauf achten würde, die Weigerung, so was zu verteilen, nicht vor versammelter Festgemeinde auszusprechen. Es reicht ja, wenn die Überbringerin die Gründe kennt und hoffentlich weitergibt.

Die von zwei Weltkriegen geprägte Generation, der man solch falsche Sparsamkeit aufgrund ihrer Erfahrungen nachsehen würde, kann eigentlich nicht mehr gemeint sein. Wenn doch, wäre es besser, aus Respekt vor einer schweren Biografie nicht weiter darauf einzugehen und die unappetitliche Gabe stillschweigend einem diskreten Mülleimer anzuvertrauen. Wenn die Schwiegermutter das Fest verlassen hat, dann vielleicht, weil es ihr peinlich war, dass sie nicht selbst auf den Qualitätszustand dieser Gabe geachtet hat. Man soll Menschen nicht unnötig bloßstellen. Pieksen ist immer dort gestattet, wo es eine reelle Chance zur Besserung gibt.

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