So kann’s gehen : Wie komme ich zu Wort?

Immer wieder sonntagsfragen Sie Elisabeth Binder

Elisabeth Binder

Ich fühle mich von „Gesprächspartnern“ belastet, die ihrem Gegenüber keinerlei Gelegenheit geben zu antworten. Sie machen nicht die kleinste Pause, scheinen nie zu atmen und unterbrechen jeden Ansatz, ins Gespräch einzusteigen im Keim. Besonders schlimm ist das am Telefon. Wo bleibt die respektvolle Gesprächskultur?

Auf Sensibilität werden Sie bei Menschen, die sich so verhalten, kaum zählen können. Respekt und Kultur einzufordern, scheint mir ebenfalls aussichtslos. Insofern bringt es wenig, wenn Sie selbst sich sensibel verhalten und leise räuspernd versuchen, in eine Gesprächsschwall-Lücke vorzustoßen. Oft hilft nur noch der Holzhammer. Ein lautes „HALT! Lass mich bitte auch mal zu Wort kommen.“ kann vorübergehend Erleichterung bringen. Das Wasserfallschwafeln entspringt übrigens nicht immer reiner Rücksichtslosigkeit. Die Vereinzelung der Gesellschaft führt dazu, dass viele Menschen wie wandelnde Überdrucktöpfe durch die Gegend laufen und verzweifelt jede Gelegenheit nutzen, Dampf abzulassen. Insofern tun Sie einem Menschen unter Umständen etwas Gutes, indem Sie einfach nur stumm zuhören. Nicht jeder kann sich einen persönlichen Psycho-Coach leisten und längst nicht jeder hat einen großen Familien- oder Freundeskreis, der das auffängt, was sich mit der Zeit so ansammelt.

Entscheiden Sie also von Fall zu Fall, wie Sie reagieren. Wenn Sie den Eindruck haben, dass ein Gesprächspartner nicht einfach nur diese Hilfe braucht, sondern von Ihren Beiträgen profitieren kann, werden Sie ruhig deutlich oder sogar ein bisschen rabiat. Ansonsten betrachten Sie Ihr Zuhören als gute Tat. Über eine verloren gegangene Gesprächskultur zu trauern bringt leider gar nichts. Die Trauer wird sie nicht zurückbringen. Man kann nur mit gutem Beispiel selbst an einer neuen Gesprächskultur mitarbeiten.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie an:

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