So kann’s gehen : Wie reagiere ich auf Relativierer?

Mir geht es zurzeit nicht gut. Wie kann ich auf Menschen reagieren, die zwar fragen, wie es mir geht, dann aber Fälle aus ihrem Bekannten- und Verwandtenkreis schildern, mit gleichen Beschwerden, aber viel dramatischer als bei mir? Die Leute wollen gar nichts von mir hören oder meine Beschwerden relativieren. Elisabeth Binder antwortet.

Elisabeth Binder

Mir geht es zurzeit nicht gut. Wie kann ich auf Menschen reagieren, die zwar fragen, wie es mir geht, dann aber Fälle aus ihrem Bekannten- und Verwandtenkreis schildern, mit gleichen Beschwerden, aber viel dramatischer als bei mir? Die Leute wollen gar nichts von mir hören oder meine Beschwerden relativieren.

Wahrscheinlich meinen viele Ihrer Gesprächspartner das gar nicht böse, wenn sie ihnen von schlimmeren Fällen berichten oder rasch darüber hinweg gehen, was Sie eigentlich sagen wollten. Wir sind viel zu sehr darauf geeicht, dass alles gut und in Ordnung sein muss. Das ist zwar Quatsch, weil es jedem schließlich mal schlechter geht. Aber es gilt aus irgendeinem Grund als Standard. Deswegen sagen die meisten Menschen auf die Frage: „Wie geht’s?“ auch automatisch „gut“, selbst wenn sie gerade von einer Katastrophenkette heimgesucht werden. Alles andere würde irritieren. Die Auskunft, dass es eben nicht so gut geht, bringt viele in Verlegenheit. Sie wissen dann nicht, wie sie reagieren sollen und versuchen zu trösten. Das ist sicher auch der tiefere Grund für die dramatischen Fallbeispiele aus dem Verwandtenkreis. Ihre Gesprächspartner wollen signalisieren, dass es Ihnen vergleichsweise gar nicht so schlecht geht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es wundert mich nicht, dass Sie sich gekränkt fühlen.

Viel besser ist in so einem Fall, man fragt mitfühlend nach, jedenfalls solange man das Gefühl hat, mit den Fragen nicht zu nerven. Eine angemessene Reaktion macht die Übereifrigen darauf aufmerksam, dass sie eine falsche Tonlage gewählt haben. „Das heitert mich nicht auf, ich will gar nicht wissen, wie viel schlimmer es werden kann“, wäre eine gute Antwort. Oder der Vorschlag: „Lassen Sie uns über etwas anderes sprechen, das zu hören, deprimiert mich noch mehr.“ Auf eine diskrete und unaufdringliche Art Mitgefühl zu zeigen, ist eine hohe Kunst. Es könnte sich lohnen, sie zu üben.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an:

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