So kann’s gehen : Wie vermittle ich Zurückhaltung?

Elisabeth Binder

Ich habe den Zeitpunkt verpasst, eine finanziell schlechter gestellte Freundin, die ich gelegentlich in ein Restaurant einlade, zu fragen, warum sie generell das teuerste Gericht bestellt. Ich selbst bin so erzogen, immer ein Gericht in der Preisklasse des Gastgebers zu bestellen.

Man muss ja nicht jede Frage direkt stellen. „Bist du sicher, dass dir die Dorade schmeckt? Das Tagesgericht klingt doch auch gut?“ Es ist häufigen Restaurant-Besuchern ja völlig klar, dass das teuerste Gericht auf der Karte längst nicht immer das Beste ist und schon gar nicht unbedingt das, was dem eigenen Geschmack am ehesten entspricht. Das Verhalten Ihrer Freundin deutet für mich auf einen eklatanten Mangel an Souveränität hin. Sie konzentriert sich nicht auf das Wesentliche, nämlich das Essen und die Kompatibilität der angebotenen Speisen mit dem eigenen Geschmack, sondern auf die Preise. Dass sie aus Gier das teuerste Gericht nimmt, um Sie, wie man so sagt, richtig zu schädigen, widerspricht der Bezeichnung „Freundin“. Eine Freundin würde so etwas nicht tun. Vielleicht ist sie unsicher, weil sie sich Restaurants selber nicht in gleicher Weise leisten kann und will das trotzig überspielen, indem sie tut, als schwelge sie ständig im Teuersten.

Ich kann Ihre Irritation gut verstehen. Auch wenn viele alte Regeln nicht mehr so streng gelten, würde ich denken, dass man bei solchen Einladungen gut daran tut, sich in einer mittleren Preisklasse umzuschauen. Ausnahmen sind erlaubt, wenn ein lang vermisstes Lieblingsgericht auf der Karte steht, aber dann sollte man den Gastgeber vorher fragen, ob es okay ist, diesen Hummer-Cocktail zu bestellen, weil man so eine Lust drauf hat. Generell das Teuerste zu bestellen, ist wirklich kein gutes Benehmen. Vielleicht sollten Sie jedes Mal nachfragen, was die Freundin an dem Gericht so reizt. Dann müsste sie ja irgendwann mal mitbekommen, dass sie sich unmöglich verhält.

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