So kann’s gehen : Wo gehören die Hände hin?

Ich versuche, meinen Kindern zu vermitteln, dass es unhöflich ist, beim Essen die zweite Hand, die gerade weder Messer noch Gabel hält, nicht auf dem Tisch abzulegen. Meine Kinder meinen, diese Haltung sei überholt und sie könnten ihre Hand ruhig unter dem Tisch lassen – auch beim Essen außerhalb der Familie.

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Bei dem von Ihnen geschilderten Konflikt haben beide Seiten einen Punkt für sich zu verbuchen, denn hier prallen Vergangenheit und Zukunft aufeinander. Auf den ersten Blick haben Sie natürlich gewonnen. In weiten Teilen Europas gilt es als nicht vornehm, Hände einfach verschwinden zu lassen. Beide sollten immer auf dem Tisch sichtbar sein. Anders ist es im angloamerikanischen Raum. Sowohl in Großbritannien wie auch in den USA werden wohlerzogene Menschen freie Hände immer auf dem Oberschenkel ablegen. Bei einer längeren Abendgesellschaft ist das zwischen den Gängen auch hier längst akzeptiert. Den Rest wird die Globalisierung erledigen. Vermutlich kommen viele der Filme und TV-Serien, die Ihre Kinder zu sich nehmen, ja gerade aus dem Raum, in dem es comme il faut ist, die Hände im Schoß zu parken.

Klar, dass es ihnen schwer fällt, theoretische Regeln zu glauben, wenn sie die praktische Anwendung anders vorgeführt bekommen. Sie werden den Lauf der Dinge kaum aufhalten können. Das kann man positiv sehen. Die Angleichung von Sitten und Verhaltensweisen schafft schließlich auch kulturelle Nähe. Darüber könnten Sie mit Ihren Kinder diskutieren und Ihnen nahelegen, bei Abendessen mit älteren Menschen, die Wert auf traditionelle Sitten legen, die Hände in Sichtweite zu lassen. Nicht, weil es sich so gehört, sondern einfach, weil es eine freundliche Geste ist. Dieses Argument ist nach meinem Gefühl am besten geeignet, die Strahlkraft von Filmhelden zu schlagen.

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