Kultur : So klingt das Glück

ULRICH AMLING

Im Sängerwettstreit um immer höhere und dramatischere Spitzentöne spielt sie nicht mit - das Publikum liegt Cecilia Bartoli trotzdem zu Füßen.Die 32jährige Mezzosopranistin besitzt kein Organ, mit dem sie Opernhäuser oder gar Stadien zum Erzittern bringen könnte.Ihre Gabe ist kostbarer: Sie weiß um die Grenzen ihrer Stimme, spielt damit subtil in ihren Interpretationen und erlangt so eine schier atembraubende musikalische Freiheit.In der Staatsoper vom Publikum im prallvollen Zuschauerraum und auch auf der Bühne umringt, begann die Römerin ihren Liederabend mit Mozart-Liedern, die wohl noch nie so hauchzart gesungen wurden.Puristen in Sachen Gesangstechnik mögen die Nase rümpfen: Da mischen sich Nebengeräusche in den Klang, entweichen erschreckte Reibelaute, leidenschaftliche Seufzer.Und dringen direkt ins Herz.Cecilia Bartoli singt nicht einfach nur Lieder, sie erzählt Geschichten, erforscht alle erdenklichen Gefühlslagen der Liebe.Pausbäckige Naivität, wispernde Hingabe, klagender Verlust und stampfende Rachgier wechseln wie das Spiel des Sonnenlichts auf der Wasseroberfläche.Mit staunenswerter Technik fängt die Bartoli ihre Stimme in Extremlagen ein, führt sie auf der nicht ganz gefahrlosen Höhe in ein verführerisches Gurren, um sich dann in schwerelose Koloraturen zu federn.Bei aller Versunkenheit schläft ihre hellwache Komödiantennatur nie, lauert nur darauf, einen schelmischen Augenaufschlag zu entsenden.Etwa in Richtung Flügel, den Daniel Barenboim bediente.Das Publikum schmolz dahin, nur das Spiel des Maestro zeigte sich immun gegen soviel Charme und bot unbeeindruckt einen konturlosen, flauschigen Klangteppich (besonders ärgerlich Haydns Kantate "Arianna a Naxos").Bei Bizets Liedern schlug er derart ungehobelt drein, daß die Bartoli verschreckt vom Flügel abrückte.Schnell vergessen, denn das tobende Publikum stürzte mit den Zugaben in einer Taumel der Gefühle: gerührt zu Tränen, wurde es von "La Bartoli" lachend, mit Hüftschwung verabschiedet.Und einer Ahnung davon, wie sich das Glück anhört.

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