So klingt Europa : Die Stimmen des Kontinents

Pech beim Meistersingen, aber historischer Ruhm. Bei Europas Musik lieben und bewundern alle die Deutschen – und kopieren die Italiener: So klingt der Kontinent.

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Jubel für die Siegerin. Die krimtatarische Sängerin Jamala bei ihrer Rückkehr in Kiew nach dem Gewinn des Eurovision Song Contest im Mai 2016. Foto: REUTERS
Jubel für die Siegerin. Die krimtatarische Sängerin Jamala bei ihrer Rückkehr in Kiew nach dem Gewinn des Eurovision Song Contest...Foto: REUTERS



Zuerst meldet sich die Duduk zu Wort, die armenische Flöte. Dann kommt ein synthetischer Herzschlag dazu, über dem sich bald eine Frauenstimme erhebt, in eindringlichem Sprechgesang, auf Englisch: „They kill you all and say: We are not guilty.“ Der Refrain erklingt dann auf Krimtatarisch, das Tempo zieht an, die Interpretin singt orientalisch anmutende Melismen, mit großer Stimme und Soul-Inbrunst. Vorderasiatische Atmosphäre trifft auf Elektropop. So klingt Europa 2016. Zumindest der Gewinner-Song des diesjährigen Eurovision Song Contest.

Jamala aus der Ukraine wurde im Mai in Stockholm zur Siegerin gekürt, mit dem Titel „1944“, einem eminent politischen Lied, in dem es um die Deportation ihrer Urgroßeltern durch Josef Stalin von der Krim Richtung Mongolei geht. Aktueller kann der Beitrag zu einem Gesangswettstreit kaum sein, polyglotter und stilistisch vielgestaltiger auch nicht. Die Lingua franca der modernen Welt wechselt mit der Sprache einer ethnischen Splittergruppe, in der Musik treffen uralte aserbaidschanische Improvisationstechniken auf moderne Club-Beats und Soundeffekte. Das Europa der Vielstimmigkeit, das die Politiker so gerne beschwören – beim Eurovision Song Contest 2016 wurde es vokale Realität. Ja, der ganze Wettbewerb, der zuletzt zu einem Ramschladen des Billig-Pop verkommen war, machte 2016 einen Qualitätssprung nach vorne. Inmitten des bunten Scheinwerfergewitters blitzten immer mal wieder auch Gedanken auf, konnte sich manche Textstrophe tatsächlich gegen die monströse Bühnenshow mit ihren LED-Wand-Spielereien durchsetzen – und eine Botschaft wie jene von Jamala gegen die konventionelle Herzschmerz-Konkurrenz.

Nur 11 Stimmen: Jamie-Lee trat beim Song Contest 2016 in Stockholm für Deutschland an - und wurde Letzte. Foto: dpa
Nur 11 Stimmen: Jamie-Lee trat beim Song Contest 2016 in Stockholm für Deutschland an - und wurde Letzte.Foto: dpa

Auf Platz zwei des Meistersingens, das 1956 zur Stärkung des europäischen Zusammenhalts ins Leben gerufen worden war, ähnlich wie die legendäre TV-Show „Einer wird gewinnen“, landete die in Südkorea geborene, für Australien startende Sängerin Dami Im. Das ist kein Tippfehler: Die Antipoden vom fünften Kontinent duften zum wiederholten Mal als Gäste mit dabei sein, weil der Eurovision Song Contest in Australien auf ähnlich verrückte Weise geliebt wird wie der argentinischen Tango bei den Finnen.

Deutschland bildete beim ESC 2016 das Schlusslicht

Den dritten Platz in Stockholm belegten die Russen, schon rein geografisch eher eine europäische Randregion und derzeit wahrlich nicht dafür bekannt, dass hier die Grundwerte hochgehalten würden, die sich die EU in ihre Statuten geschrieben hat. Deutschland dagegen bildete 2016 das Schlusslicht: Jamala konnte bei der Abstimmung 534 Punkte einsammeln, die bundesrepublikanische Kandidatin Jamie-Lee genau elf, zehn von den Zuschauern, einen von den Fachjurys.

Überblickt man die gesamte Entwicklungsgeschichte von Old Europe, steht das Land der Tondichter und kompositorischen Vordenker zum Glück besser da. Im 18. und 19. Jahrhundert dominierten vor allem zwei Kulturkreise den Musikmarkt: Die Deutschen wurden bewundert, für die Komplexität des Kontrapunktes bei Johann Sebastian Bach, für die motivisch-thematische Arbeit eines Beethoven oder eines Brahms, also die Kunst, aus kleinsten melodischen Keimzellen einen ganzen Sinfonie- oder Sonatensatz zu entwickeln. Die Italiener aber wurden kopiert. Überall.

An Wagner, dem deutschen Komponisten schlechthin, scheiden sich die Geister bis heute

Der Berliner Zuckerfabrikantensohn Jakob Meyerbeer holte sich an 1815 sein handwerkliches Rüstzeug südlich der Alpen, wandelte, in feurigem Assimilationsbemühen, sogar seinen Vornamen in Giacomo um, bevor er nach Paris weiterzog. Um dort die Grand Opéra zu erfinden, das nicht nur prächtigste, sondern auch stilistisch bunteste Spektakel, das die Welt bis dahin gesehen hatte. Aus den Setzkästen der nationalen Traditionen pickte sich Meyerbeer das jeweils Effektvollste heraus und hatte damit überall in Europa einen derartigen Erfolg, dass Richard Wagner erst sein Epigone wurde und dann – in einem vatermörderischen Emanzipationsakt – seine eigene Musikdrama-Ästhetik als Antithese zu Meyerbeer entwickelte.

Die wiederum für die kommenden Jahrzehnte stilbildend wurde, weil sie die Komponisten dazu zwang, Farbe zu bekennen: für Wagner zu sein oder ihm eine eigene Haltung, einen eigenen Stil entgegenzustellen. Was mit einem Rückgriff auf die eigenen volkstümlichen Wurzeln einherging und allmählich über den ganzen Kontinent national verankertes musikalisches Selbstbewusstsein erblühen ließ.

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