Kultur : So klingt Nofretete

Sechs Komponisten, sechs Pianisten: Zum Start des Berliner „Klavierfieber“-Festivals

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Keine Angst vor Ägypterinnen. Komponist Søren Nils Eichberg. Foto: Claudia Gainvenuti
Keine Angst vor Ägypterinnen. Komponist Søren Nils Eichberg. Foto: Claudia Gainvenuti

Ist das Kunst, fragen Passanten angesichts des Lastwagens mit dem Flügel, der vor der Gemäldegalerie am Kulturforum parkt. Ganz einfach ist die Frage nicht zu beantworten. In jedem Fall dient der Flügel als mobile Werbung für das neue Festival „Klavierfieber“, das am heutigen Montag beginnt und bis Sonntag am Kulturforum stattfindet. Sechs Pianistinnen und Pianisten aus sechs Ländern werden spielen, deren Wettbewerbserfolge auf interessante Karrieren hindeuten. Es sind der Russe Denis Kozhukhin, der Deutsche Hinrich Alpers, der Amerikaner Andrew Brownell, der Franzose Romain Descharmes, der Kanadier Winston Choi und die Japanerin Mizuka Kano. Begrüßt werden sie von Elisabeth Leonskaja, die im Kammermusiksaal das Eröffnungskonzert gibt.

Ein Ziel des Festivals ist die Belebung des Kulturforums: von der Gemäldegalerie bis zum Musikinstrumentenmuseum und der Neuen Nationalgalerie. Dabei wird es neben sechs Abendkonzerten sechs kürzere Konzerte zu „Lunch- und Teatime“ geben. Die Begegnungen zwischen Kunst und Musik sollen sich nicht auf dekorative Klavierklänge vor Gemälden beschränken. Zu jedem Abend hat das Festival einen Kompositionsauftrag vergeben. Sechs jüngere Komponisten sollten sich von je einem Kunstwerk aus den Beständen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu einem zehnminütigen Klavierstück inspirieren zu lassen.

Dass es ausgerechnet das Klavier ist, mit dem das Experiment zur Belebung des städtebaulichen Sorgenkinds Kulturforum gewagt wird, kommt nicht von ungefähr. Vor einem Jahr war Hermann Parzinger, der als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu den Initiatoren des Festivals gehört, als Pate zum ersten „Klaviertag“ des Jungendorchesterfestivals Young Euro Classic geladen – und ließ sich von dessen künstlerischem Leiter Dieter Rexroth vom Klavierfieber anstecken. Mit Gabriele Minz als Gesamtleiterin entwickelte man das Festival als Kooperation zwischen Young Euro Classic und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – wobei die Hoffnung groß ist, dem Kulturforum einen ähnlichen Impuls zu geben, wie es Young Euro Classic mit der Öffnung der Freitreppe am Konzerthaus am Gendarmenmarkt gelang.

Mit der Vergabe der Kompositionsaufträge hat man jedenfalls schon einen kleinen Coup gelandet. Die jungen Tonsetzer ließen sich bei der Wahl ihrer Inspirationsquellen, zu denen etwa das Markttor von Milet oder Caspar David Friedrichs „Einsamer Baum“ gehören, weder durch Größe noch Popularität der Vorlage einschüchtern. Der Komponist und Maler Jens Joneleit ließ sich von Hannah Höchs Dada-Collage dazu anstiften, mit dadaistischen Kompositionsmethoden zu spielen. Sein 1973 geborener Kollege Søren Nils Eichberg verguckte sich – zum nur halb gespielten Schrecken von Dieter Rexroth – in die Nofretete. Er habe sich von der Schönheit der ägyptischen Königin fangen lassen. Dem in Berlin lebenden Deutschdänen, der gleich mit seinem ersten Orchesterstück den bedeutenden Reine Elisabeth Kompositionswettbewerb in Brüssel gewann, glaubt man, dass ihn die Aufmerksamkeit für seine Wahl überraschte: „Ich bin jemand, der gerne auch mal übers Ziel hinausschießt“, sagt er. Doch andererseits gehe es ja um mehr als nur ein kleines Museumskonzert: „Kozhukhin wird groß, Nofretete ist eine Ikone. Es kommt drauf an, was man aus den Sachen macht.“

Einschüchtern lässt sich Eichberg auch deswegen nicht, weil er Lust hat, im Dialog mit dem Interpreten auf neue Art mit dem Publikum zu kommunizieren: „Wenn ich weiß, dass das ein völlig wahnsinniger 18-jähriger russischer Virtuose ist, dann glaube ich, dass ich mir auch in der Richtung mehr erlauben kann. Und das macht Spaß.“ Carsten Niemann

Alle Informationen zum Festival unter: www.klavierfieber.de

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