Kultur : So lang die Wangen glühen

„Don Karlos“ mit Hans und August Diehl am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Katrin Ullmann

Soooo süß, wie er da kniet, die Hände in den Schoß gelegt, den Blick dem Betrachter zugewandt. Ernst guckt er und unschuldig, dieser Mädchenschwarm und Leinwandheld: August Diehl („Was nützt die Liebe in Gedanken?“). Das Plakat kann man kaufen im Büchershop des Deutschen Schauspielhauses, denn hier spielt der junge Mann zur Zeit Theater. Spielt in Schillers „Don Karlos“ den Sohn und Thronfolger des Königs Philipp von Spanien. Und sein Vater, Hans Diehl, spielt den König selbst.

Zum ersten Mal stehen sie gemeinsam auf der Bühne – in tragischer Verwicklung. Hat doch der Vater Elisabeth (Ursula Doll) geheiratet – sie war noch jüngst dem Sohne zugetan. Karlos liebt sie immer noch, es treibt ihn stiller Herzenskummer um. In sich gekehrt und im dunklen Samtjackett (Kostüme: Sanna Dembowski) durchstreift er Patrick Kochs riesige, allzu leer geräumte Bühne. Er sinniert und trauert, selten hebt er die Stimme, vorsichtig ballt er mal die Faust. In seinem Rücken, auf ein paar Theatersesseln, sitzt der Rest des Hofstaats und guckt zu.

Da kommt sein Jugendfreund vorbei, Marquis von Posa (Devid Striesow). Er hört ihn an und schenkt ihm Zuversicht, doch die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Es werden Briefe überbracht und geheime Treffen verfehlt, Herzen gebrochen und Lügen erzählt. Friedrich Schiller schrieb und überarbeitete diesen Irrgarten der Intrigen von 1783 bis 1805. Und aus einem leidenschaftlichen Drama – 1787 in Hamburg uraufgeführt – über die unerwiderte Liebe wurde mehr und mehr eines über hehre Ideale. Denkt man nur an die berühmte Audienz des visionären Marquis von Posa beim herrschsüchtigen König Philipp. In „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!", gipfelt die emphatische Rede des jungen Philosophen an den weißhaarigen Starrkopf.

Laurent Chétouanes Inszenierung ist in diesem Moment einfach großartig. Haben sich bis dahin alle Beteiligten recht statisch an jedem einzelnen Blankvers entlang tastet und haben dabei jede sich anbahnende Gefühlsregung erfolgreich unterdrückt, so bricht Devid Striesow endlich die allgemeine Lähmung. Sein wahnsinniger Posa brennt für eine neue Welt. Für ein aufgeklärtes Volk, von einem aufgeklärten, großmütigen König regiert. Die Argumente scheitern zwar, doch ist er ab sofort Vertrauensmann und Lenker der Figuren. Auf Strümpfen und zeitlupenlangsam lässt der junge französische Regisseur die Darsteller sich im Raum verlieren. Und meist verharren sie in weiter, sicherer Distanz zum Gegenüber. Ob sie diesen dann lieben oder hassen, umarmen oder schlagen, die großen Gefühle trägt allein der Text, Silbe für Silbe aufgefächert. Wie choreografiert wirken die Auftritte und wie erfroren die Gesten. Allein die Sprache tanzt.

Manchmal ist das stark und schön. Etwa wenn Myriam Schröder als Prinzessin von Eboli bitter erkennen muss, dass der Prinz nicht sie, sondern die Königin begehrt. Ihre Hand verweilt wie festgeklebt am Herzen, doch ihre Stimme bettelt und hofft, schreit, leidet und bebt.

Chétouanes Regie ist reduziert und formal, doch oftmals ist das nicht genug. Dann scheinen die Figuren schläfrig zu wandeln, stilisiert, unscheinbar – und langweilig. Dann verliert man den Faden der Geschichte, und die Personage schlendert ins spannungslose Nichts. Zumal die Aufführung bald an die fünf Stunden dauert. Am Ende stirbt Marquis von Posa, bleibt der König allein zurück und zieht der Prinz gen Flandern. Weit wird er nicht kommen, denn sein Vater hat den Inquisitor (Marlen Diekhoff) angespitzt. Wirklich schade ist es nicht um ihn, den zarten August Diehl.

Viel hat er gewollt als Don Karlos, wenig überzeugt. Glühten doch vor allem seine Wangen. So süß und auch zu kaufen – wie der Kollege Robert Stadlober, der hier am neuerdings der Klassik verpflichteten Deutschen Schauspielhaus den Romeo gibt – als Hochformat im Vierfarbdruck.

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