Kultur : So laut du kannst

Frank Noack

entdeckt fremde Kinoländer Es gibt Länder, über deren Kinokultur wir wenig wissen, obwohl einige der berühmtesten Filmemacher aus ihnen kommen. Wer kennt schon dänische Filme ohne Dogma-Siegel, finnische Filme, bei denen nicht Aki Kaurismäki Regie geführt hat, wer kann auf die Schnelle einen polnischen Regisseur aus der Generation nach Andrzej Wajda und Roman Polanski nennen? Zum Glück gibt es ab und zu Retrospektiven, die statt einer Einzelperson einem Land gewidmet sind. In dieser Woche werden gleich zwei Länder vorgestellt: Finnland und Polen.

Mika Ronkainens Screaming Men steht unter dem Motto „Reden ist Silber – Schreien ist Gold“. Er begleitet einen finnischen Chor, der ausschließlich aus Männern besteht, die gut schreien können. Alle möglichen Texte, von Nationalhymnen bis zu Kinderreimen, werden gebrüllt. Gelegentlich fühlt man sich wie auf einem rechten Parteitag, doch die brutale Männlichkeit wird von den Chormitgliedern durch Selbstironie abgeschwächt. Der Regisseur wird morgen um 19 Uhr im Arsenal erscheinen; an den darauffolgenden Tagen werden drei weitere Dokumentationen aus Finnland präsentiert – Filme über einen Turmspringer, der zugleich Komiker ist, über Arbeitslose und Sterbebegleiter.

Die Werkschau mit polnischen Filmen wird bedauerlicherweise auf mehrere Monate verteilt, so dass die einzelnen Beiträge leicht übersehen werden können. Der Garten der Lüste ist ein hundertprozentiger Autorenfilm, dessen Regisseur Lech Majewski seinen eigenen Roman „Metaphysik“ verarbeitet hat. Das Multitalent Majewski betätigt sich auch als Maler und hat eine autobiografische Oper geschrieben. Dementsprechend kompliziert geht es im Film zu. Er wurde in London und Venedig gedreht und behandelt die Liebesgeschichte zwischen einem Schiffsingenieur und einer Kunsthistorikerin. Es gibt Anklänge an Peter Greenaways „Bettlektüre“, und da es um Herrn Greenaway still geworden ist, kann Majewski vielleicht eine Lücke schließen (heute im Kino Hackesche Höfe).

Zur Wiedereröffnung des Kinos Babylon Mitte hat man sich auf Klassiker verlegt. Ernst Lubitsch, der Meister der eleganten Salonkomödie, hat seine Karriere mit derben Schwänken wie dem legendären Schuhpalast Pinkus (1916) begonnen. Für die musikalische Begleitung konnte ein Zeitzeuge gewonnen werden: der unsterbliche Willy Sommerfeld (Sonntag, 11 Uhr, Babylon Mitte Großer Saal).

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