Kultur : So nicht

Berliner Opernkrise: Andreas Homoki, Chef der Komischen Oper, wagt sich aus der Deckung

Frederik Hanssen

Für Intendanten ist das Alltag: „So kann ich nicht arbeiten! Ich reise ab!“, kreischt die Diva und verlässt türenknallend die Probebühne. Andreas Homoki, der Chef der Komischen Oper Berlin, scheint darum auch gar nicht verwundert über den krachenden Abgang seines Opernstiftungsdirektors in der vergangenen Woche. Ebenso wenig wie über die Tatsache, dass sich Michael Schindhelm nach ein wenig gutem Zureden dann doch überreden ließ weiterzumachen, zumindest bis April 2007.

Nachdem die Betroffenen zunächst mit Schweigen auf Schindhelms schrille Abschiedsarie reagiert hatten, wagte sich gestern Homoki als erster der drei Musiktheaterleiter aus der Deckung. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel benannte er klipp und klar seine Position zur „Neujustierung“ des Strukturkonzepts: „Das ist mit mir nicht zu machen.“ Genau so will Homoki das vor der nächsten Sitzung des Opernstiftungsrats am 29. November auch seinem zuständigen Senator Klaus Wowereit sowie dem neuen Kulturstaatssekretär André Schmitz sagen.

Am meisten ärgert sich Homoki über einen ganz am Ende des 35-seitigen Papiers versteckten Vorschlag: Da fordert Schindhelm nämlich die Entmachtung der Kaufmännischen Geschäftsführer der einzelnen Theater. Damit würde die Autonomie der Häuser dahin: „Nur ein wirtschaftlich selbstständiger Betrieb ist auch ein künstlerisch selbstständiger Betrieb“, findet Homoki.

Dabei war doch die Loslösung der Opern vom kameralistischen Gängelband der Kulturverwaltung gerade der größte Pluspunkt der Stiftung: So erst konnte sich das Management professionalisieren, die Staatsbühne durch die Einführung betriebswirtschaftlicher Instrumentarien wie dem Controlling zum modernen Unternehmen werden. Die Aufwertung des Generaldirektors zum „geschäftsführenden Intendanten“ wäre für Homoki eine Rückkehr zum Zentralismus. Und also ein Verrat an der Stiftungsidee.

Verärgert hat der Chef der Komischen Oper auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass man sich bei der viel gelobten Zusammenführung der Werkstätten in einer zentralen Service-GmbH mal eben um zwei Millionen verrechnet hat. Zu Ungunsten der Opern selbstverständlich: Statt der erhofften 3,16 Millionen Euro lasse sich laut Schindhelm durch die Maßnahme nur eine Million sparen. Definitiv zu wenig, findet Homoki, um sich dafür von der bestens bewährten Arbeitsweise mit Werkstätten im eigenen Hause zu trennen. „Dass die Zahlenspiele des ursprünglichen Stiftungskonzepts der Realität nicht standhalten würden, war für mich allerdings nicht abzusehen. Weder die Kulturverwaltung noch die Theater verfügten 2004 über konsistentes Zahlenmaterial. Es galt das Prinzip Hoffnung.“

Und die Neuausrichtung der Deutschen Oper? „Als Kollege kann ich darüner nicht mitdiskutieren. Natürlich ist es eine der drohenden Optionen. Seit langem wird darüber gestritten, ob das international übliche Stagione-Prinzip eine höhere künstlerische Qualität garantiert als das traditionelle deutsche Repertoiretheater. Ein Modellversuch in Berlin mit direkten Vergleichsmöglichkeiten vor Ort mag manchem reizvoll erscheinen. Die Gefahr besteht darin, dass dieses Experiment von anderen Städten leicht als reine Sparschweinlösung kopiert werden könnte.“ Immerhin soll die Strukturumwandlung in der Bismarckstraße 156 Stellen einsparen.

Befragt, was denn nun der wahre Grund für Schindhelms Amtsmüdigkeit sei, kommt Homoki schnell ins Philosophieren. Einen Namen umschifft er dabei ebenso wie auch der scheidende Generaldirektor selber: den von Georg Vierthaler nämlich, dem Verwaltungsdirektor der Lindenoper. Nach außen bleibt der Manager des mächtigsten – weil erfolgreichsten – Stiftungsmitglieds unsichtbar. Intern aber ist Vierthaler der Pate, an dem keiner vorbeikommt.

Vielleicht wäre es da am klügsten, das Prinzip Wowereit auf die Opern zu übertragen und Vierthaler auch noch zum Generaldirektor zu machen. Wenn sie überleben soll, braucht die Stiftung jetzt einen Machiavelli.

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