Kultur : So stehst du vor mir

Jetzt oder nie: Udo Jürgens in der Berliner Max-Schmeling-Halle

Christiane Tewinkel

Da rede noch mal einer vom Schlager und dem Verblendungszusammenhang. Wer Udo Jürgens in der völlig ausverkauften Max-Schmeling-Halle hört, die versonnen tanzenden und klatschenden Paare aus Müttern und Töchtern sieht, die vielen in Ehren ergrauten Eheleute, die gepflegt angezogenen Mitdreißigerinnen in Pastellfarben, die älteren Damen, die mit ihren Zellophan-Rosen ruhig nach vorn, dem Entertainer entgegen schreiten: Wer all das sieht und hört, erhält einen Eindruck von der Schlagkraft des Weltwissens, das Udo Jürgens seit 40 Jahren unters Volk streut. Wir leben jetzt, jetzt oder nie. Mein Weg zu mir – das ist mein Leben. Und, auf jeden Fall: Das Leben gewinnt.

„Dem Glück in die Bluse langen.“ An solcherart akustischer Eintätowierung eines triumphalen Carpe diem lässt sich ohne Hebung der eigenen Laune kaum vorbeikommen. Erst kurz vor Mitternacht verlässt ein Publikum den Saal, das die moralischen Reservoires aufgefüllt, oft mitgesungen und immer wieder glaubwürdig versichert bekommen hat, dass es gesehen wird. „Mein Herz schlägt da oben auf den Rängen,“ hat Jürgens gerufen, „das muss ich ehrlich sagen“. „Jetzt oder nie“, heißt diese 20. Tournee, gerade so, als ob der 71-Jährige es sich und allen noch einmal zeigen wollte.

Tatsächlich hat dieser Abend beides, den überlegenen Rück- und Überblick auf Werk und Leben und eine fast gnadenlose Lebensfreude. Ob die echt ist oder einfach nur perfekt vorgetäuscht, ist egal. Man hört Jürgens nicht an, dass er „Mit sechsundsechzig Jahren“ wohl gefühlte drei Millionen mal gesungen hat. Im Gegenteil – dieses Lied wird zum größten Kracher des Abends. Laut. Und mit einer wilden Gitarrenimpro versehen. Zwischenrufern, die von Anfang an nach ihren Lieblingshits verlangen, begegnet der Entertainer gelassen. Nur Geduld! Jürgens nimmt sich Zeit für Neueres, weise Selbstbezügliches: „Ich will den Text, der sich was traut / Ich will das Wort so wie ein Schwert.“ Oder „Dass ich dich liebe – was geht es dich an?“ Die Zeile ist von Goethe, und Jürgens stellt ein Arrangement vor, das mit seinen Rokoko-Einsprengseln und Reggae-Rhythmen sicher zu den disparatesten des Abends gehört.

Nach der Pause legt er Sakko und Weste ab, verlässt den swinggetränkten Boden und beginnt die ganze große Zeitreise, zurück zu den Miniaturen aus dem grauen bundesrepublikanischen Alltag. Jungen, die mit ihren Vätern Drachen bauen wollen. Frauen, die „vor Einsamkeit erfrieren“. Das ehrenwerte Haus. Und natürlich der griechische Wein. In der Mitte des nachgerade klassischen Bühnenbilds steht ein schwarzer Flügel, kein gläserner.

Das Orchester Pepe Lienhard ist blutjung besetzt und hat eine Streichersektion, an deren Süßigkeit sich zu gewöhnen einige Zeit kostet. Auch die Showeffekte sind gediegen – im Bühnenhintergrund Himmel und Sterne oder eine Großstadtkulisse, von oben strenge Lichtblitze und an den Seiten Vorhänge, deren Lebensrot das Jackettinnenfutter des Meisters zitiert. Alles andere hat Jürgens nicht nötig. Und ein Meister ist er sowieso. Bestreitet ein Dreieinhalbstundenprogramm ohne spürbare Hänger. Gibt sich als Bühnenkobold und musikalischer Leiter des Abends. Winkt nicht, sondern schießt sein Orchester ab. Stellt seine jungen Kollegen vor, die Berliner Sängerin Sabine Manke mit ihrem puppenblonden Haar, die Amerikanerin Dorothea Fletcher, die bei „Ich war noch niemals in New York“ als menschgewordene Stadt auftritt und eine Stimme wie eine rechte Gerade hat. Immer wieder Pepe Lienhard, der einmal als „Mann mit dem Fagott“ auftaucht, in kitschigem Schattenriss.

Es ist ein Abend für ein Mehrgenerationenpublikum. Ganz am Ende wird eine junge Frau auf die Bühne springen – da geht ein überraschtes Raunen durch die Halle – um sich Jürgens’ weißes Handtuch zu schnappen, Vorwegnahme des berühmten Bademantels. Ob sie es am nächsten Tag zu Ebay bringen wird? „Nein,“ sagt jemand. „So etwas tut dieses Publikum nicht.“

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