Kultur : So süß schmeckten diese Früchte noch nie

Jörg Königsdorf

Es ist im Grunde eine tröstliche Weisheit, für die Kulturschaffenden wie fürs Publikum: In jedem deutschen Opernhaus, so groß es sein mag, steckt im Grunde ein Stadttheater. Als Lebensnerv, der in gutenZeiten vom spektakulären Ereignis in den Hintergrund gedrängt wird, in schlechten Zeiten aber dafür sorgt, dass der Betrieb - aller Mängelverwaltung und Gagenknapserei zum Trotz - weiter funktioniert. Die Hamburgische Staatsoper erlebt gerade eine solche schlechte Zeit: Während in Berlin, ungeachtet der noch weit desolateren städtischen Finanzlage, noch am Repräsentationsziel des internationalen Startheaters festgehalten wird, bleibt dem Opernhaus der Hansestadt und seinem neuen Intendanten Laurens Langevoort keine andere Wahl mehr, als sich auf die hausgemachte Qualitätsarbeit zu besinnen. Wer den aktuellen Jahresspielplan der einst (zu Rolf Liebermanns Zeiten) so glamourösen Belcanto-Metropole durchblättert, entdeckt auf den Besetzungslisten kaum mehr Namen der sängerischen Topliga. Statt dessen regiert wieder der Ensemblegedanke des Stadttheaters. Und das muss gar nicht einmal schlecht sein - wenn man die richtigen Stücke aussucht.

Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" ist ein solches Stück, sogar dessen Paradefall: Mit einem Haufen größerer und kleinerer Rollen, von denen aber keine der anderen die Schau und den Beifall stehlen kann. Mit filmschnitthaft aufeinanderfolgenden Szenenwechseln und einem hohen Grundtempo als Herausforderung für Bühnentechnik und Orchester. Ein Lackmustest für das, was übrig bleibt, wenn man von der Oper die durchreisenden Stars abzieht. Hamburgs Opernhaus besteht den Test. Sicher, es steckt in Prokofjews "Orangen" weit mehr, als Ernst-Theo Richters Inszenierung vermuten lässt. Anderswo haben diese Früchte schon erheblich bitterer oder sogar ein wenig vergiftet geschmeckt, und selbst die sonnige Version, mit der Andreas Homoki der Berliner Komischen Oper einen ihrer größten Erfolge bescherte, hat mehr von den satirischen Anspielungen Prokofjews auf die Amüsiergesellschaft Hollywoods und die Umwälzungen im Zuge der russischen Oktoberrevolution.

Doch um all diese zusätzlichen Bedeutungsebenen des 1921 uraufgeführten Stückes schert man sich in Hamburg nicht: Hier schmecken die "Orangen" so süß wie selten, im praktikablen Zirkushalbrund von Starbühnenbildner Karl-Ernst Herrmann herrscht zwei Stunden lang die ungetrübte Unterhaltung einer virtuos abschnurrenden Nummernrevue. Dem Stück, das ohnehin voll mit Magiern, Spaßmachern und anderen zirkusverdächtigen Gestalten ist, braucht dabei keine Gewalt angetan zu werden; nicht mehr benötigte Requisiten werden durch Zirkusdiener abgeräumt, die in ihrer rotgelben Livree genauso als Bediente des Königs Treff durchgehen könnten.

Von seinen Rängen aus kann der in die dunklen Anzüge hanseatischer Premierenbesucher gekleidete Chor immer dann in die Handlung eingreifen, wenn es Not tut: Um die gerade aus ihrer Orange geschälte Prinzessin Ninetta vor dem Verdursten zu retten; um den Triumph der bösen Fee Fata Morgana zu verhindern, oder um das Happy End von Prinz und Prinzessin zu sichern. Gesungen wird verlässlich, unter sorgfältiger Kapellmeisterleitung, nicht in der französischen Originalfassung,sondern auf deutsch - was ebenso zum Stadttheater gehört wie die Besetzung aus der Ensemble-Familie: aus Mitgliedern des Opernstudios, die eine funktionierende Nachwuchsarbeit belegen, und aus Sängern wie Harald Stamm (König), Hellen Kwon (Fata Morgana) und Peter Gaillard (Prinz), die seit Jahren zu den Vorzeigekräften des Hamburger Hauses gehören. Und siehe: Das Etikett "Stadttheater" braucht man gar nicht zu verstecken, man sollte es stattdessen lieber - aufpolieren.

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