Kultur : „So verbissen sehe ick det nich“

Die Schauspielerin Annekathrin Bürger hat zum 70. Geburtstag ihre Memoiren geschrieben. Eine Begegnung

Christine Wahl

„Das Drehbuch für ,Mörder auf Urlaub’ ist eine einzige Katastrophe ... Die ,Valerie’ hat einige neue Szenen, in denen sich der Regisseur anscheinend seine erotischen Komplexe abreagiert ... Es kotzt mich an ... Scheißberuf.“

Die Klage klingt nach einem aktuellen Schauspielerinnen-Problem, ist aber 43 Jahre alt. Sie stammt aus einem Brief, den Annekathrin Bürger an den Schauspieler und Regisseur Rolf Römer adressierte, ihren Freund und späteren Ehemann. Sie hat dann trotzdem weitergemacht in dem „Scheißberuf“ und wurde eine der großen Star-Schauspielerinnen der DDR. Heute wird die Defa-Diva, Hauptdarstellerin in fast sechzig Film- und Fernsehproduktionen, 70 Jahre alt. Der Brief findet sich in dem Buch „Der Rest, der bleibt“, in dem Annekathrin Bürger, zusammen mit der Autorin Kerstin Decker, ihr Leben erzählt. Nebenbei und völlig erhaben über die üblichen Pole von verbissener Diktaturkritik auf der einen und putziger Ostalgie auf der anderen Seite kann man aus dem Buch eine Menge über die DDR erfahren kann.

Jetzt sitzt Annekathrin Bürger im Wintergarten ihres Hauses in Köpenick und amüsiert sich köstlich über ihre Briefzeilen. Hier war sie vor fast vierzig Jahren mit Römer eingezogen, der vor sieben Jahren bei einem Unfall ums Leben kam. Bürger gehört zu den Menschen, die einen mit: „Ick mach uns erst mal ’nen Kaffee“ begrüßen und auch sonst diese wunderbar unkomplizierte Gastfreundlichkeit am Leibe haben, die einen nicht mit permanenter Überfürsorge demütigt. In den frühen sechziger Jahren brachten Jurek Becker, Manfred Krug und Bürgers erster Lebensgefährte, der Schauspieler Ulrich Thein, von einem Dreh in Bulgarien mal einen außergewöhnlichen Exilanten mit. Es handelte sich um einen in der Heimat misshandelten Esel, der unter Thein-Bürgerscher Fürsorgepflicht rekonvaleszieren sollte. Klar, denkt man, wenn man die Bürger so in ihrer Küche hantieren sieht, mit der geht so was. Bei dieser Frau verursacht ein traumatisierter bulgarischer Esel weder Schreikrämpfe noch Beziehungskrisen.

Als der Kaffee auf dem Tisch steht, kommen wir vom Hundertsten ins Tausendste. „Sie müssen mich mal konkreter fragen“, lacht die in Charlottenburg in eine Künstlerfamilie hineingeborene und nach dem Krieg in der DDR aufgewachsene Schauspielerin, als sie zum dritten Mal zur Espressomaschine in die Küche geht, „ick quatsch’ Sie sonst zu“. Stimmt. Es ist aber ein ziemlicher Genuss, von der Bürger „zugequatscht“ zu werden. Denn sie hat wirklich was zu erzählen. Zum Beispiel, wie sie zu tiefsten DDR-Zeiten in Italien – ein Freund hatte sie mitgenommen – auf dem Sofa von Federico Fellini saß, der ihr spontan eine Rolle in „Stadt der Frauen“ anbot. Für eine DDR-Schauspielerin, selbst mit den für Durchschnittsbürger undenkbaren Reiseprivilegien, war das leider eine komplett realitätsferne Jobofferte.

Bürgers Karrierebeginn: eine Mischung aus Glück und höherer Fügung. Beim Vorsprechen an der Berliner Schauspielschule fällt sie durch, bewirbt sich aber 1955 für die per Annonce ausgeschriebene Hauptrolle in Gerhard Kleins Film „Berliner Romanze“. Sie ist eine unter 14 000, der überforderte Regieassistent Heiner Carow sortiert sie gleich im Vorbeigehen per Gesichtskontrolle aus. Ein paar Wochen später treffen Bürger und das Filmteam zufällig an der Ostsee aufeinander. Sie suchen immer noch händeringend. „Die ist zu dick und sächselt“, befindet der Regisseur. Aber die Zeit drängt, die Probeaufnahmen überzeugen – und mit der „Berliner Romanze“ ist der Defa-Star Bürger geboren.

Sie ist nicht nur attraktiv, sondern besticht – was man zum Beispiel hervorragend in Rolf Römers Film „Hostess“ von 1976 sehen kann – durch eine beiläufige Autonomie. Diese Art der Emanzipation, die so unverbissen daher kommt, dass sie es sich sogar ohne jeden Image-Schaden leisten kann, mal einen Männerwohnungsfußboden zu schrubben. Was Wunder, dass sich bis heute jede in der DDR sozialisierte Frau der Bürger-Generation an Lew Arnschtams Film „Fünf Tage – fünf Nächte“ von 1961 erinnert. Der Kurzhaarschnitt, den die Schauspielerin dort trug, löste – gegen den erbitterten Widerstand realsozialistischer Friseure – eine Nachahmungswelle aus. Notfalls griff man selbst zur Schere.

Erinnerungsarbeit sei schwierig, sagt Bürger über die Arbeit am Buch, man vergesse so viel. Aber: „Rolf und ich hatten glücklicherweise seit ’61 diese Macke, all unsere Notizbücher aufzuheben.“ Da stand dann „Probe“, „Abnahme ,Hostess’“ oder, am 29. April 1977 , „10 Uhr: Honecker“. Mit der Strategie der todesmutigen Naivität hatte Bürger im Büro des Staats- und Parteichefs der DDR angerufen und für sich und Römer einen Termin erbeten, um den Unmut über die Biermann-Ausbürgerung 1976 und deren spürbare kulturpolitische Konsequenzen auf oberster Ebene loszuwerden. Zu ihrer Überraschung rief das Sekretariat Honecker zurück, und dann saßen sie bei Kaffee und Gebäck auf der Couch des Generalsekretärs, erinnert sich Bürger, zählten unverblümt Missstände auf und rechneten mit allem. Nur nicht damit, dass der Staatschef – man muss wissen, dass Bürger eine erstklassige Honecker-Imitatorin ist – sich ihr mit wohlwollender Greisenmilde und den Worten: „Du bist nu also die Annekathrin“ entgegen neigte, im übrigen zu allem einvernehmlich nickte und das Paar schließlich mit der Empfehlung entließ: „Bleibt so, wie ihr seid!“

Was macht man mit so einer Ansage? In Annekathrin Bürgers Fall das Beste: Als vier Jahre nach Bürgers Honecker-Besuch in Dresden auf Regierungsbeschluss ein Barockpalais gesprengt werden sollte, schrieb sie dem Staats- und Parteichef, sie habe seinen Rat beherzigt, und eben diese Tatsache, dass sie so geblieben sei, wie sie ist, zwinge sie nun, ihn zu bitten, die Vernichtung eines solchen Kulturdenkmals zu verhindern. Die Sprenglöcher waren schon gebohrt. Das Haus steht noch.

Vielleicht wird Annekathrin Bürger diese Passage lesen, wenn sie am Donnerstag ihre Lebensgeschichte vorstellt. In der Volksbühne, einem Stück Heimat. Hier war sie fast vierzig Jahre lang Ensemblemitglied. „Bis ick“, lacht sie, „mit 65 dachte: Eh dich der Castorf rausschmeißen muss, gehste ma alleene“. Benannt ist Bürgers Buch nach der letzten großen Arbeit der Schauspielerin, dem Fernsehfilm „Der Rest, der bleibt“ von 1990. Seitdem kennt man sie vor allem aus der RTL-Serie „Im Namen des Gesetzes“ und dem Leipziger „Tatort“, als bodenständige Tresenfrau und Freundin des Kommissars Ehrlicher. Vor zehn Jahren, zu ihrem sechzigsten Geburtstag stellte sie fest: „ So verbissen sehe ick det nich, die Hollywood-Karriere wird’s nicht mehr, also wat soll sein.“ Jede Generation habe halt ihre Zeit. Die Bürger hatte eine ganz große.

Annekathrin Bürger liest am Donnerstag um 20 Uhr in der Volksbühne aus ihrer Autobiografie „Der Rest, der bleibt“, Droemer/Knaur, 408 S., 19,90 €.

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