Kultur : So viel Glück unter einem Dach

Die Münchner Pinakothek der Moderne ist das derzeit erfolgreichste deutsche Museum. Auch nach einem halben Jahr ist der Besucheransturm ungebrochen

Bernhard Schulz

Der Besucheransturm lässt nicht nach. Zumal am eintrittsfreien Sonntag drängen sich die Kunst-, Architektur- und Designinteressenten ungeachtet des frühlingshaften Wetters in den weißen Hallen. Aber auch bei neun Euro fürs ganze Haus an den übrigen Wochentagen herrscht reger Besuch.

Seit einem halben Jahr nun bildet die Pinakothek der Moderne, die dritte in der Reihe der Kunst-Schatzhäuser Münchens, einen Magneten von höchster Anziehungskraft. Über 600000 Besucher sind seit der Eröffnung Mitte September 2002 in das Vier-Sparten-Haus gekommen, gut 100000 im Monatsdurchschnitt – so viele, wie manches Museum im ganzen Jahr vermelden kann. Nun ist es zwar nicht so, dass die jetzt auf 12000 Quadratmetern großzügig ausgebreiteten Schätze zuvor gänzlich unbekannt gewesen wären. Doch die Staatsgalerie moderner Kunst hatte im Westflügel des Hauses der Kunst nur höchst eingeschränkt Platz. Das bereits 1925 gegründete Designmuseum namens Neue Sammlung verfügte lediglich über einen Annex des Bayerischen Nationalmuseums. Die Staatliche Graphische Sammlung musste bislang mit Gastspielen vorlieb nehmen und hat nun erstmals eigene Ausstellungsräume erhalten. Und auch das Architekturmuseum der Technischen Universität hat in dem 110 Millionen Euro teuren Neubau erstmals nach der Kriegszerstörung wieder eigene Schauräume erhalten und breitet nun aus, was ihr rühriger Leiter Winfried Nerdinger über Jahrzehnte hinweg im Verborgenen zusammengetragen hat.

Die Gemälde in den Tageslichtsälen des Obergeschosses hingegen zählen zum wohl- bekannten Münchner Besitz. Das Kuratorenteam der modernen Kunst hat diesen Bestand, wo es ging, in einzelnen Künstlerräumen verdichtet. Den Höhepunkt bilden, Wand an Wand, die strahlenden Räume für Max Beckmann und Pablo Picasso.

Es gibt keinen festen Rundgang im Haus; die Architektur von Stephan Braunfels – der in Berlin die Neubauten des Bundestages beidseits der Spree entworfen hat – erlaubt es, nach eigenem Gusto durch die Räume zu mäandrieren und gegebenenfalls über den grandiosen Rotundenraum in der Mitte des Gebäudes zu neuen Entdeckungsreisen anzusetzen. Von der „außerordentlichen Offenheit des Hauses“ schwärmt denn auch Carla Schulz-Hoffmann, die stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und seit zwanzig Jahren für die Kunst ab 1900 zuständig. Ursprünglich „wollten wir die klassische Moderne statisch halten – jetzt werden wir auch in diesem Bereich wechseln und sogar kleinere Ausstellungen in Verbindung mit dem Sammlungsbereich in die Galerieräume integrieren“.

Die Präsentation der Sammlung wird beständig verfeinert. Im Bereich der Nachkriegskunst, in dem auch das von Schenkern und Stiftern so verwöhnte München noch manche Lücken aufweist, erweist der Neubau seine Anziehungskraft. So kam unlängst die Beuys-Sammlung eines ortsansässigen Kunsthändlers als Dauerleihgabe ins Haus, und für den in kristalliner Klarheit arrangierten Saal mit Objekten des Minimalisten Donald Judd dürfen großzügige Spenden erhofft werden. Das „positive Umfeld“, das Stifter animiert, ist seit jeher eine Münchner Spezialität. So wurden die Schenkungen des Beckmann-Händlers und -Vertrauten Günther Franke vom Ankauf des Triptychons „Versuchung“ für damals, 1977, sensationelle zwei Millionen Mark komplettiert.

Die eine Weile lang vor allem in den Münchner Medien geführte Diskussion um die Sammlung zeitgenössischer Kunst des Kölner Versicherungsmagnaten Udo Brandhorst spielt Carla Schulz-Hoffmann herunter. Für sie ist die Sammlung, die die Bayerische Landesregierung mit der Zusage eines eigenen Museumsgebäudes für München gewann, eine ideale Ergänzung der eigenen Bestände. Den Neubau entwirft als Sieger eines entsprechenden Wettbewerbs das Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton. Er soll zeitgleich mit dem von Braunfels geplanten zweiten Bauabschnitt der Pinakothek für die Funktionsräume der Graphischen Sammlung errichtet werden.

Die Bauzeit der Pinakothek war stets überschattet von Auseinandersetzungen um die Baukosten; vieles wurde abgespeckt, um die vom Landtag „gedeckelte“ Summe von (damals) 200 Millionen Mark zu halten. „Es hat sich gezeigt“, konstatiert die stets als prima inter pares sich zurücknehmende Schulz-Hoffmann, „dass wir durch die großen Einsparungen, die wir im Bereich der Infrastruktur hatten, oft nicht so agieren können, wie wirwollen.“ Doch „alles in allem hat sich das Haus blendend bewährt, auch im Hinblick auf den alle Erwartungen sprengenden, riesigen Zulauf.“ Vor allem habe die Kombination vier verschiedener Museen unter einem Dach „neue Besucher generiert“.

Dazu bedurfte es nicht einmal der Übernahme des Cafés durch den Schickeria-Wirt Schumann. Die scheiterte am behördlichen Verbot ausgedehnter Öffnungszeiten. Aber auch mit der derzeitigen, spartanischen Ausstattung sind’s die Besucher zufrieden.

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