Kultur : So viel Glücksschläge

Heute wäre Reinhard Baumgart 75 geworden. Seine Memoiren spiegeln ein „deutsches Leben“

Peter von Becker

„Das Buch ist zu Ende, mein Leben nicht.“ So lautet der erste Satz des kurzen, „Hör auf“ überschriebenen Epilogs, mit dem der Schriftsteller und Kritiker Reinhard Baumgart seine Memoiren „Damals. Ein Leben in Deutschland“ beschließt. Baumgarts Fazit freilich könnte makabrer kaum klingen. Denn einen Tag, nachdem er in seinem Sommerhaus am Gardasee die letzten Seiten dieses Lebensbuchs korrigiert hatte, ist auch sein Leben zu Ende gewesen.

Baumgart starb vor einem Jahr, am 2. Juli 2003, in Italien an einer jähen, nie geklärten Infektion. Und heute wäre der in Berlin begrabene, sportlich smarte, bis dahin immer gesunde Geistesmensch 75 Jahre alt geworden. Seine im Münchner Hanser-Verlag erschienen Erinnerungen sind so ein unverhofftes Vermächtnis.

Reinhard Baumgart gehörte für das große Publikum zwar nicht zu den Superillustren. Aber zusammen mit Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Hellmuth Karasek und Fritz J. Raddatz bildete er doch seit den 60er Jahren so etwas wie die fünfzackige Spitze einer literarisch-theatralischen Großkritik der Bundesrepublik. Kein Fernsehkopf, stattdessen ein Geschmacks- und Meinungsbildner im „Spiegel“, in der „Süddeutschen Zeitung“ und bis zuletzt in der „Zeit“. Ein Bildner, kein Führer – auch diese Unterscheidung ist wichtig. Denn Baumgart war der wohl graziöseste, eleganteste Stilist jener unverbundenen Fünferbande, aber eben kein Mann der je polemisch furiosen Urteile.

Karaseks Witz, Reichs Wucht oder auch Kaisers musikalische Nervosität besaß er trotz heiter brillanter Eloquenz und von Aischylos bis Achternbusch, von Mozart bis Madonna reichender Bildung nicht; dafür einen Sinn für differenzierende Fairness. Baumgarts Kritiker–Credo, in den Lebenserinnerungen fromuliert: „... fast alle Bücher sind eben wie die Menschen und alle irdischen Dinge keineswegs so deutlich gutgut oder schlechtschlecht, sondern gemischt, und Ambivalenz ist also auch in der Kritik kein Zeichen von Feigheit, sondern von Gerechtigkeit.“

Ambivalent ist jetzt auch sein fast 400-seitiges Buch – lang und manchmal zu kurz zugleich. Baumgart greift schon im Vorwort sehr hoch, wenn er in einer Mischung aus intellektuellen Skrupeln und kapriziösen Windungen auf Bismarcks Memoiren „Gedanken und Erinnerungen“ anspielt, um dann noch Goethes „Dichtung und Wahrheit“ zum eigenen Kontrapunkt zu erklären. 250 Seiten später, als Baumgart nach seinen frühen, halb erfolgreichen Romanen „Der Löwengarten“ und „Hausmusik“ (1961/62) das jahrelange Scheitern eines dritten großen Erzählprojektes benennt, vergleicht er sich gar so dezidiert demütig wie doch beiläufig hochmütig mit Flaubert und dessen Held in der „Education sentimentale“. Ein verfänglicher Fall.

Ganz bei sich und vor allem beim nachgeborenen Leser ist Baumgarts „Damals. Ein Leben in Deutschland“ vor allem im ersten Teil: in der episch ausladenden (und noch nicht pointierenden oder anekdotisch tänzelnden) Erzählung einer sehr deutschen Kindheit: als Sohn nämlich eines Provinzarztes und gutgläubigen Kleinnazis in der Nähe von Breslau. Und diese längst untergegangene schlesische Welt aus bürgerlichem Behagen und randständiger Enge, gepaart mit einer unbestimmten Sehnsucht nach Weite und westlicher, mindestens berlinischer Weltläufigkeit, ist ein Dokument. Weil Baumgart sich inständig fragt, wieso der intelligente Gymnasiast und seine ihn umgebende Gesellschaft selbst (oder gerade) im Krieg so wenig mitbekamen vom Horror der Diktatur, zumal von der Judenverfolgung und dem Völkermord.

Baumgart beklagt und entschuldigt nichts, er beschreibt nur die Milchglasglocke – und ihr Zerspringen, als er zusammen mit seiner Mutter auf der Flucht, parzifalhaft abenteuerstaunend, die Bombennächte in Dresden mit Glück überlebt. Da weiß er zwar noch nichts von Auschwitz und kommt auch nie auf die Idee, das Unvergleichliche zu vergleichen. Aber eine Ahnung, dass der Krieg und Hitlers Reich kein unbegriffenes Faszinosum oder nur bewisperbares, bewitzelbares Kuriosum bleiben dürfen, hat den Jungen ergriffen. Obwohl er nie ein völlig politischer Mensch sein wird, sind die Lehrjahre des reinen Gefühls vorbei; da ist nun ein urliberaler Aufklärer geboren, dem alle Ideologien und Fanatismen, auch in der sympathisierend miterlebten 68er Zeit, angenehm wesensfremd bleiben.

Über die radikalen Wendungen seiner späteren Freunde Hans Magnus Enzensberger oder Martin Walser wird R.B. in unüberwindlicher Nähe nur staunen können. Während ihm zur Tragik der aus Hamburger Society-Kreisen nahe bekannten Ulrike Meinhof bloß feuilletonistische Wendungen einfallen („Wiedergängerin von Jeanne d’Arc und Rosa Luxemburg“; Baader-Meinhof eine „schäbige Kopie von Bonnie und Clyde“).

Obwohl mit dem längeren Atem des Erzählers und glänzenden Essayisten begabt, wird Baumgart in seinem Erinnerungsbuch ein Opfer auch der Fülle und Facetten eines sprunghaft federnden und in Glück und (seltenem) Unglück abgefederten Lebens. Denn der jungenhaft charmante, aber fast mittellose Ostflüchtling heiratet als angehender Literat und Literaturwissenschaftler ein hanseatisches Fräulein, die Tochter des Bremer Reeders und Wirtschaftswunderkapitäns Willy Bruns. Der war laut Baumgart „kein Herr, aber jederzeit Herr der Lage“. Und R.B. als Schwiegersohn des Multimillionärs fortan gesegnet (und als Schriftsteller geschlagen?) mit der erträglichen Leichtigkeit des Seins.

Baumgart ist so kein zielstrebig beutemachender Geier des Kulturbetriebs geworden; sondern sein immer freier Paradiesvogel – gleichwohl in der Gruppe 47, bei Büchner-Preisreden, auf internationalen Symposien, mit Fernsehfilmen, im Berliner Wissenschaftskolleg und mit seinen Essays und Kritiken allgegenwärtig. Also käme der (fehlende) Namensindex seiner Memoiren einem Gotha des deutschen und amerikanischen, europäischen Kulturbetriebs gleich. Da gibt es unzählige schmucke, schmückende Begegnungen und Beziehungen: mit dem alten Thomas Mann oder der jungen, in ihren Lektor R.B. diskret verliebten Ingeborg Bachmann, mit Uwe Johnson (das dunkelste, intensivste Kurzportrait), mit Rudolf Augstein (die beiden singen Operettenhits in Augsteins Cadillac), mit Martin Walser (sie ringen auch physisch miteinenander), mit Grass, Handke, Peter Weiss (in der Sauna) oder, sich seltsam entfremdend, mit Jürgen Habermas. Aber die zarten, blitzgescheiten Portraits von Freunden oder Fremden – nie Feinden – bleiben häufig nur Skizzen. Elegantes Parlando, keine tiefere, gegenüber sich selbst und anderen auch mal schonungslose Ergründung. Geschweige denn: eine Konfession.

Das gilt auch für die zahlreichen Anspielungen auf fremde und eigene Amouren und Affären – man spürt, da ist einer zu eitel, um zu schweigen. Und zu treu (und vorsichtig), die Lebensgemeinschaft aufs Spiel zu setzen mit seiner Frau, der Philologin und Psychologin Hildegard Baumgart, die ihrerseits nicht nur Bücher über die Liebe von Bettine Brentano und Achim von Arnim geschrieben, sondern die eigenen Paarprobleme mit der klugen Studie „Eifersucht“ zu therapieren suchte. Aber müssen wir da nun Zeuge sein in Baumgarts hemmungsvoll ungehemmtem Mitteilungsdrang?

Von solchen Einwänden nicht getrübt wird indes die Lektüre eines deutschen, mit eher romanischer Grazie beschriebenen Lebens, das vom Kriegskind und Glückskind erzählt, dem als freischwebendem Intellektuellen nie der ganz große Buch-Wurf gelingt. Aber auch seine kritischen Einwürfe, das ist Baumgarts Zauber, treffen immer ins Tor.


Dieses Buch bestellenReinhard Baumgart „Damals. Ein Leben in Deutschland“. Carl Hanser Verlag, München 2004, 384 Seiten, 24,90 €.

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