Kultur : "So weit die Füße tragen": Liebesgrüße aus der Jurte

Andreas Conrad

Von den Eskimos weiß man, dass sie mit der Nase küssen. Nun könnte man meinen, es liege am vielen Schnee, also sei in ähnlich unwirtlichen Regionen mit gleicher Liebestechnik zu rechnen. Weit gefehlt, wie die Neuverfilmung von "So weit die Füße tragen" zeigt. In der sibirischen Jakutenjurte wird auch bei Tiefschnee mit den Lippen geküsst - und nicht nur das. Was schon Steve McQueen als Papillon zu schätzen wusste, wollte man auch Bernhard Bettermann als Oberleutnant Clemens Forell nicht vorenthalten, und so wurde ihm (und dem Publikum) zum Aufwärmen eigens das ukrainische Topmodel Irina Pantaeva zur Seite gestellt.

Deutschlands berühmtester Russland-Heimkehrer ist also wieder unterwegs. Drei Jahre lang war der anonym gebliebene Kriegsgefangene, dessen Flucht die Vorlage bildete, unterwegs. 1954, ein Jahr nach der Rückkehr, schrieb Josef Martin Bauer seine Geschichte auf, ein Buch mit einer Weltauflage von über 30 Millionen. Vier Jahre später erzielte der Fernseh-Sechsteiler eine Einschaltquote von unerreichten 90 Prozent. Und nun also der Film von Regisseur Hardy Martins ("Cascadeur"), mit all den Küssen und Tränen der schönen Irina und als zweitem Element fürs Gemüt den regelmäßigen Seitenblicken zur Heimatfront, wo die treue Ehefrau und zwei goldige Kinder ausharren.

Buch und TV-Mehrteiler waren reine Männersache (von einer Sowjet-Krankenschwester mit Feldwebelallüren abgesehen). Nun, da die Generation der Kriegsheimkehrer arg reduziert ist und das Publikum so trockene Kost kaum mehr goutiert, wurden vorsichtshalber Ingredienzien aus anderen Genres dazugemischt, aus dem Melodram und dem Actionfilm, zu dem es nun mal gehört, dass der Held einen konkreten Gegenspieler braucht, nicht nur allgemein den Iwan.

Erfunden wurde Oberleutnant Kamenev (Anatoly Wladimirowitsch Kotenyov), als Lagerkommandant noch glaubwürdig, doch zunehmend besessen von der Idee, den Deutschen wieder einzufangen. Offenbar hat er Sonderurlaub eingereicht, um sich rechtzeitig auf der Grenzbrücke nach Persien seinem Flüchtling ein letztes Mal in den Weg stellen zu können - und ihn fairerweise freizugeben. Das ist ehrenhaft, aber so ziemlich das einzig Nette, was man über den Russen sagen kann. Menschlich ist er eigentlich nur, wenn er genügend Wodka intus hat. Leider wird er dann lüstern. Ansonsten sind Treten, Schreien, Schlagen, Schießen noch immer die Lieblingsbeschäftigungen des Sowjetmenschen. Das schließt Erlebnisse von Menschlichkeit nicht aus, aber die erfährt Forell immer nur von Außenseitern der Gesellschaft wie den Nomaden.

Und noch eines ist seit den 50er Jahren gleich geblieben: Forell und seine Kameraden sind ausschließlich Opfer, von einem blinden Schicksal nach Sibirien verbannt. Dass die Opfer vorher gewiss nicht alle Kriegsverbrecher, aber doch Täter waren, wird ausgespart. So bleibt es bei kurzen Wortwechseln im ostwärts rollenden Waggon ("Vielleicht haben wir es verdient." - "Ich habe nur meine Pflicht getan.") und hinreichend bekannten Entschuldigungen: "Wir haben davon nicht alle gewusst." Alibi-Sätze, kaum mehr, die am Grundsätzlichen nichts ändern: Im Osten nichts Neues.

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