Kultur : "So weit die Füße tragen": Russland, sehr groß

Harald Martenstein

Damals, Ende der 50er Jahre, wurden an Weihnachten gerne Geschichten aus dem Krieg erzählt. Am liebsten redeten in vielen Familien die Männer über die Kriegsgefangenschaft. Die Gefangenschaft war kein Tabu, im Gegenteil. In der Kriegsgefangenschaft war man das Opfer gewesen, man wurde bestraft - aber für was eigentlich?

"So weit die Füße tragen" begann mit Marsch-Schritten, die langsam verhallen. Dann eine Karte - Russland, sehr groß. Ein Waggon, Schnee. Ein Mann ist verurteilt worden, Sibirien, Bergwerk. Warum? Was hat der Mann getan? Das erfährt man nicht.

"So weit die Füße tragen" war nicht die erste deutsche Fernsehserie, aber die erste, die jeder gesehen hat. 1959, endlich gab es genügend Geräte. Man schaute aber noch gemeinsam.

In gewisser Weise war "So weit die Füße tragen" der erste Holocaust-Film, ein Holocaust-Film, in dem wir Deutsche die Juden spielen. Die Viehwaggons, das Lager, die grausamen Wächter, Hunger und Hoffnungslosigkeit - nichts fehlt, außer den Gaskammern selbstverständlich. Die undankbare Rolle der Deutschen wird freundlicherweise von den Russen übernommen. Die deutschen Männer haben sich vorm Fernseher gründlich ausgeweint.

Anders als in den meisten Holocaust-Filmen begehren in "So weit die Füße tragen" die Opfer auf. "Wir hungern! Wir möchten den Transportoffizier sprechen!" rufen die deutschen Soldaten in ihren Waggons. Disziplin und Hierarchie der Truppe sind erstaunlich intakt. Ein tückisch blickender russischer Leutnant erscheint. Der deutsche Hauptmann hält ihm einen Vortrag über Pflicht. Die Russen geben klein bei. Triumphierendes Lachen der Deutschen.

Mit dem Leid ihrer Kriegsgefangenen haben die Deutschen damals einen Gegenmythos geschaffen. Das Drama ihrer Gefangenschaft war ihre Antwort auf die Anklagen, die sie verschiedentlich hören müssen. Die Serie ist ein Beweis für die Attraktivität der Opferrolle. Opfer zu sein: keine schöne Sache. Es überstanden zu haben und Opfer gewesen zu sein: die beste Rolle der Welt.

Hauptfigur ist Oberleutnant Clemens Forell, gespielt von Heinz Weiss. Forell flieht aus dem Bleibergwerk, Richtung Heimat. "So weit die Füße tragen" lässt künstlerischen Ehrgeiz erkennen; in den theaterhaften, bisweilen expressionistisch angehauchten Kulissen werden ebenso theaterhafte Texte gesprochen. Die Russen - nun ja, rassistisch ist ihr Bild vielleicht nicht gerade. Die Russen sind uninteressante Menschen, die der Verwirklichung des Heimatgedankens auf grausame, unbeholfene Weise im Wege stehen.

Für Buch und Regie ist Fritz Umgelter verantwortlich, nach einem Roman von Josef Maria Bauer. Am Ende seiner Karriere wird Umgelter noch einmal die Seele seines Volkes bewegen, indem er das eskapistische Prinzip von "So weit die Füße tragen" einfach umdreht: "Das Traumschiff", Sendebeginn 1981. In "Das Traumschiff" geht es darum, aus Deutschland auf angenehme Weise wieder abzuhauen, in die Karibik zum Beispiel. Das ist die Stimmungslage damals, Anfang der achtziger Jahre, als die Geschichte ähnlich stillzustehen scheint wie in den Fünfzigern. Zum Kapitän des Traumschiffs wird Umgelter ausgerechnet den Kriegsgefangenen aus "So weit die Füße tragen" machen. Heinz Weiss spielt in beiden Serien sozusagen die Extremzustände des bundesdeutschen Gefühls, ganz unten und ganz oben, nach der Kapitulation des Reiches und vor der Kapitulation der DDR.

"So weit die Füße tragen" wird das Nationalepos des westdeutschen Staates. Dem fliehenden Oberleutnant mit dem schlängelnden Fischnamen Forell liegt die Adenauerpolitik im Blut: "Nach Westen!" ruft Forell bei jeder Gelegenheit. Die Handlung beginnt im Herbst 1949, zu der Zeit, als die Bunderepublik gegründet wurde. Forell ist das neue Deutschland, das sich mit dem Herzen eines Fisches wegschlängelt aus der Zone der Gefahr, aus der Vergangenheit des Krieges, westwärts. Niemals erfährt man, was genau Forell im Krieg angestellt hat.

Im Kino lief etwa zur gleichen Zeit der Film "Die Brücke" von Bernhard Wicki, in dem eine Gruppe von Hitlerjungen in einem sinnlosen Gefecht verheizt wird. So etwas kam beim deutschen Publikum nicht gut an. 1959 hatte das deutsche Kino bereits umgeschaltet, die große Zeit der Heimat- und Musikfilme war angebrochen.

"So weit die Füße tragen" wird zum Nationalepos, weil es sich um eine Utopie handelt, die sich als realistisches Drama verkleidet. Denn: Clemens (lateinisch: "der Milde"), dieser Deutsche Clemens Forell wird gemocht. "Germanski!" rufen selbst Angehörige exotischster Turkvölker erfreut, sobald sie die wahre Identität des Flüchtlings entdecken. Ah, Germanski, gut! Kurjaken, Jakuten, alle helfen sie Clemens Forell. Und niemand spricht ihn auf die Vergangenheit an.

In sämtlichen sechs Folgen herrscht Winter. Den Sommer wird Forell erst in Deutschland wiederfinden. Im Vergleich zu dem, was das Kino dieser Jahre zu bieten hatte, musste "So weit die Füße tragen" auch den Zeitgenossen bemerkenswert dilettantisch erscheinen mit seiner schleppenden Dramaturgie und seinen brachialen Schnitten, den billigen Kulissen und sibirischen Wölfen, die von deutschen Schäferhunden dargestellt wurden. Dass zu den Drehorten tatsächlich Lappland und das Jungfraujoch in der Schweiz zählten, liest man heute kopfschüttelnd. Die Serie sah billig aus. Aber Mythen sind keine Geldfrage.

Forell ist halb Deutscher, halb Österreicher. So spiegelt er bis ins biographische Detail die Wehrmacht. Als er die russische Grenze erreicht, wird der Film visionär. Wachtürme, Scheinwerfer, patrouillierende Posten. Noch bevor es die DDR-Mauer gab, inszeniert Umgelter ihr perfektes Bild. Er verweist auf die DDR als deutsches Sibirien, das überwunden sein will, westwärts. Die Posten schießen. Forells Hund, ein treues Tier, das niemals bellt, wird der erste Mauertote. Der Film schreibt 1953, das Jahr des Aufstands in der DDR.

Forell begreift, dass er aus eigener Kraft nicht auf die andere Seite gelangen kann. Er wird Hilfe brauchen. Er befindet sich tief in Asien. Ein bärtiger Mann spricht ihn an. Auf deutsch. Der Mann nimmt Forell in seine Wohnung mit. Er werde ihm helfen, sagt er. Er sei Jude.

In der letzten Folge also trifft Forell den Juden. Zum ersten und einzigen Mal taucht der Gedanke an Schuld auf, gemischt nicht mit Gefühlen von Reue oder Scham, sondern gemischt mit Furcht: "Jeder Jude", sagt Forell zu sich selber, "hat mit jedem Deutschen etwas abzurechnen." Konkreter wird es auch diesmal nicht. Wieso jeder Jude, wieso jeder Deutsche? Ja: Wieso jeder Deutsche? In dem vermutlich ersten Satz, der in einem populären Kunstwerk im neuen Massenmedium Auschwitz anspricht, und zwar in Deutschland, im ersten deutschen Auschwitz-Satz wird die These aus der Kollektivschuld des deutschen Volks ausgesprochen. Das ist erstaunlich, weil diese These nach Ansicht vieler damaliger Deutscher eine böse Erfindung des Auslands war.

Der Jude schließt den Deutschen in seiner Wohnung ein und geht weg. Der Deutsche legt sich ins Bett des Juden und schläft: zwei Nächte und einen Tag lang in Ziffern 12, ein biblisches Maß.

Der Jude kommt zurück und bringt einen Anzug für den Deutschen: "Gute Ware", sagt er, ausgerechnet "gute Ware", wie es das Klischee vom jüdischen Händler verlangt. Doch der Mann ist nicht Händler, er ist Kulake, ein reicher Großbauer. Die Kulaken hat Stalin umbringen lassen, er hat sie "als Klasse liquidiert", so lautete die Formel der KPdSU. Dem Juden wird also die Kulakenidentität zugeschrieben, er ist Teil einer Personengruppe, die von Stalin mit ähnlicher Verve verfolgt wurde wie die Juden in Hitlers Deutschland. "So weit die Füße tragen" verweist immer wieder subtil auf die Schuld der anderen, und das Rezept zur Überwindung der eigenen Schuld lautet: stillschweigendes Zweckbündnis. Die Juden tun gut daran, gegen die Kommunisten mit den Deutschen zusammenzuarbeiten. Forell kommt nicht als Bittsteller, er vermeidet auf seiner Flucht jede Demutsgeste. Auch hier gibt er sich mürrisch und misstrauisch.

In Grosny findet Forell einen deutschen Kommunisten. Auch der hilft ihm. Immerzu wird Forell einer alles umgreifenden Verzeihung teilhaftig, aber letztlich ist es der Jude, der ihn dank hervorragender Geschäftsverbindungen über die Kaukasusgrenze schafft. Wir erfahren, dass nur die Juden mächtig genug sind, um den Deutschen auf die andere Seite zu schaffen. Wenn sie wollen.

Forells Onkel kommt in den Iran, um den Neffen zu identifizieren, der dort im Gefängnis sitzt. Zunächst erkennt er ihn nicht wieder, erst das mitgebrachte Familien-Fotoalbum schafft Klarheit. Der Onkel ist fassungslos. "Du bist ein völlig anderer Mensch geworden." Am Ende der Irrfahrt blickt Forell in die Kamera, ein deutscher Odysseus, nicht triumphierend, sondern verwirrt. Ein anderer Mensch ist er geworden.

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