Kultur : So wirr ist nur die Wirklichkeit

NICOLA KUHN

Mit 64 Gemälden und 200 Zeichnungen versucht das Alte Museum ein vollständiges Bild des Jahrhundertmalers Adolph Menzel zu zeigen VON NICOLA KUHN

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß eines der frühen Werke, mit dem sich der 18jährige Adolph Menzel erste Aufmerksamkeit sicherte, eine Abhandlung über das Künstlerleben war.Der Berliner Verleger Louis Sachse hatte dem jungen Mann den Auftrag gegeben, Goethes Gedicht "Künstlers Erdenwallen" zu illustrieren."Keim", "Trieb", "Zwang", "Freiheit" sind da die Kapitel einer entbehrungsreichen Künstlervita überschrieben, die so gar nicht zu Menzels eigener passen sollte.Während der gängige Künstlertypus das Leben durchleidet, sein Werk erst nach dem Tod Achtung erfährt, war es bei ihm ganz anders.Die Kritik feierte ihn, der Kaiser versicherte sich seiner durch ambitionierte Bildaufträge.Den Höhepunkt dieser Verehrung erlebte Menzel dennoch nicht: Nach seinem Tod wurde er im Alten Museum aufgebahrt, eine Huldigung, die in Deutschland für einen Künstler einmalig blieb. Diesmal gibt das Alte Museum dem Werk Menzels die Ehre - dem ganzen Menzel, wie betont wird.Denn die mit Pomp zelebrierte Totenwache vor 92 Jahren galt nur dem Historienmaler; als solchen wollten ihn der Kaiser und das offizielle Deutschland in Erinnerung behalten wissen.Der ganze Menzel bedeutet für die Ausstellungsmacher von Nationalgalerie und Kupferstichkabinett jedoch nicht nur den Künstler in seinen verschiedenen Ausdrucksformen, den Hofkünstler und zugleich Schilderer privater Lebenswelten, den akribischen Beobachter und doch Meister des pointierten Ausschnitts, sondern dies meint konkret den mit seinen Bildern wieder zusammengeführten Künstler.Bis 1989 waren die Bestände zwischen Ost und West getrennt; nicht einmal bei Ausstellungen im Ausland durften sie sich treffen.Was für Paris und Washington galt, die ersten beiden Stationen der Ausstellungstournee, ist in Berlin nicht mehr nötig.Dort mußte er dem Publikum erst einmal vorgestellt werden; hier sollen endlich die Klischees vom "Maler Friedrichs des Großen" ausgeräumt werden. Dies gelingt auf eindrucksvolle Weise.Der Ausstellungsbesucher fühlt sich unversehens in jenes "Labyrinth der Wirklichkeit" versetzt, das der Ausstellung den Titel gab.Das Wort vom Labyrinth geht zurück auf ein Zitat des Schriftstellers Jorge Luis Borges: "Jemand setzt sich die Aufgabe, die Welt abzuzeichnen.Im Laufe der Jahre bevölkert er einen Raum mit Bildern von Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Behausungen, Werkzeugen, Gestirnen, Pferden und Personen.Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, daß dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt." Menzel könnte dieser Jemand sein.Er malte höfische Szenen ebenso wie Hinterhofszenarios, zartfühlenden Porträts seiner Geschwister wie rauhe Darstellungen von gefallenen Soldaten.Für ihn war eine Fahrradnabe ebenso interessant wie ein zerwühltes Bett, das Haupt eines Kommerzienrats fesselte ihn ebenso wie der Hutschmuck einer Passantin.Ob es gelingt, aus dieser Vielfalt das eigentliche Gesicht Menzels herauszulesen, darf bezweifelt werden.Längst hat sich die Forschung darauf geeinigt, daß Menzels besondere Qualität in den Brüchen liegt, in den motivischen wie stilistischen.Die Zeiten, als der Historienmaler Menzel gegen den Zeitzeugen, der Realist gegen den Impressionisten ausgespielt wurde, sind vorüber. Angesichts dieser Vielfalt darf es nicht verwundern, wenn sich wieder jeder seinen Menzel sucht.Nur seine Interieurs, die muß man wohl lieben, jene anrührenden Schilderungen, einer häuslichen, ja biedermeierlichen Idylle.Doch Menzel bleibt nicht bei der bloßen Darstellung des Gesehenen stehen; er sucht einen neuen Weg im Umgang mit Farbe und Licht.Nirgends wird dies deutlicher als in dem berühmten "Balkonzimmer" (1845), an dessen Wand sich jener irritierende weiße Fleck befindet: ob das Bild unvollendet blieb, dort ursprünglich ein Möbel stand oder Menzel das "Nullo" probierte, von dem schon Leonardo sprach, das abstrakte Nichts also, bleibt ungewiß.Wie wichtig ihm dieses Thema war, zeigen auch die zahlreichen Nachtbilder.Sei es eine Hintertreppe mit funzeliger Beleuchtung (1848) oder das diffuse Dunkel eines Kircheninneren (1852-55), in dem ein Sonnenstrahl rotglühend Akzente setzt - immer versucht Menzel die Atmosphäre wiederzugeben, die ganze Wirklichkeit zu fassen. Welchen Kontrast bilden dazu die Auftragsarbeiten für Wilhelm I., der große Zyklus zu Friedrich dem Großen.Menzel besteht diese Herausforderung, indem er seinen privaten Blick über die historischen Ereignisse legt.Bei Schauplatz, Aussehen und Kleidung der Personen hielt er sich zwar an die Gegebenheiten, doch arrangierte er die höfische Gesellschaft nach seinem Gusto.Diese Methode mußte bei Menzels größtem Wurf, der "Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen" (1859-61), scheitern.Das unvollendet gebliebene Gemälde hängt in der Ausstellung von natürlichem Oberlicht erhellt, großzügig freigestellt vor violettfarbenem Fonds.An diesem Ort entwickelt das Gemälde eine ganz andere Ausstrahlung als an seinem beengten Stammplatz in der Alten Nationalgalerie.Menzels Zorn über die Einmischung des Königs, der eine prominentere Stellung für die Hauptfigur wünschte, wird dramatisch sichtbar in den ausgekratzten Augen einzelner Köpfe.Nach neuesten Erkenntnissen soll der Maler diese Zerstörungen dem Bild selber beigefügt haben. Doch unter den Historienbildern gibt es auch die leichte, spielerische Form, die sich auch in den Genreszene wiederfindet.Heiterkeit strahlt die kleine Gouache "Kronprinz Friedrich besucht Pesne auf dem Malgerüst in Rheinsberg" (1861).Sie ist ein Vorläufer künftiger Werke sowohl in der anekdotischen Beschreibung des Geschehens als auch im impressionistischen Umgang mit dem Licht.Während Pesne einem Modell mit ausholender Geste die Pose erklärt und durch die Bewegung ein Farbtopf in die Tiefe stürzt, steigen Friedrich und seine Begleiter mit amüsierter Wendung des Kopfes die Leiter hinauf.Das Geschehen spielt sich auf mehreren, auch noch wackeligen Ebenen ab; durch die zusätzlichen Aktivitäten eine Lehrlings und Geigers läßt sich in der Komposition kein eigentliches Zentrum ausmachen.Beim "Nachmittag im Tuileriengarten" (1867), dem "Missionsgottesdienst in der Buchenallee bei Kösen" (1868) oder dem "Pariser Wochentag" (1869) verstärkte sich der Eindruck vom scheinbar ungeordneten Gewusel der Figuren.Daß Menzel jedoch sehr genau die Verteilung anlegte, noch die Plazierung der beiläufigsten Staffagefigur einem Konzept unterordnete, haben jüngste Untersuchungen zum Goldenen Schnitt ergeben.Außerdem hatte der Maler seine Akteure zuvor mit dem Bleistift bis ins Detail erfaßt, um sie dann mit vermeintlicher Flüchtigkeit auf die Leinwand zu bannen. Das Besondere der Ausstellung besteht gerade in diesen Vergleichsmöglichkeiten zwischen Gezeichnetem und Gemaltem, der vorbereitenden Studie und dem endgültigen Werk.Dies ist nirgendwo aufregender zu beobachten als im "Eisenwalzwerk" (1872-75), für das der Maler nach Königshütte in Oberschlesien reiste.Wie ein Besessener zeichnete er Maschinen und technische Details, die Menschen bei ihrer schweren körperlichen Arbeit und den kurzen Momenten der Ruhepause.In einer kleinen Gouache hielt sich der kleine, zierliche Mann selber mitten im Geschehen fest.Mit seinem weißen Kragen, dem Halstuch undStoffhut in unmittelbarer Nähe eines glühenden Ofens, an dem gerade ein muskulöser Arbeiter mit Eisenstangen hantiert, erscheint er seltsam fehl am Platze - abgesehen von dem unvermeidlichen Skizzenblock, den er in der Hand hält.Doch so fremd Menzel in dieser Umgebung auch gewirkt haben mag, durch ihn ist ein authentischer Blick in die Arbeitswelt überliefert.Der aufrüttelnde Charakter des Bildes verfehlte seine Wirkung nicht, es galt als Sensation.Die sozialen Folgen der rasanten Industrialisierung waren Menzels Zeitgenossen bereits bewußt; er lieferte ihnen jedoch als erster deutscher Maler ein Gemälde, das sich mit der Ausgangssituation beschäftigte. Die Ausstellung wird gerahmt von Menzels Zeichnungen.Waren es am Anfang Landschaftsausschnitte und Übungsstücke etwa eines Möbelhaufens ("Umzug aus einem Keller") oder "Bücherregals" (beide 1844), so sind es am Schluß die hingeworfenen Kopfstudien.Zumeist porträtierte Menzel ältere Menschen, im Atelier oder auf der Straße.Ganz nah rückte er an sie heran, wie sonst nur bei den Selbstporträts, als wollte er noch einmal das flüchtige Leben zu sich ziehen.Vom Silvestertag 1904 stammt die Notiz: "Jedes Jahr ist für mich wie immer einen Monat kürzer! so auch dieses! Die letzte Stunde ist vor der Thür!!!" Am 9.Februar starb dieser Jahrhundertchronist neunzigjährig.Er hinterließ ein überbordendes, ja ausuferndes Zeugnis seiner Zeit: das Labyrinth der Wirklichkeit. Altes Museum, bis 11.Mai; Mo.bis So.9-17 Uhr, Mi.bis 22 Uhr.Katalog (DuMont) 45 DM, im Handel 98 DM.

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