Kultur : So zart, so fein, ich hör es kaum

Abbado dirigiert in Berlin Schumanns „Manfred“

Christiane Tewinkel

„Mehr Licht“, soll Goethe zuletzt gesagt haben. Vielleicht war es auch „mehr nicht“. Am Freitagabend nach dem Konzert der Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado hätte man gern ausgerufen: „Mehr Musik“. Denn ständig gelockt und gepiesackt zwar von den wie stets fein austarierten, unendlich kultivierten philharmonischen Klängen, hatte man einfach nicht genügend Futter erhalten.

Es begann mit Richard Wagners Wesendonck-Liedern – Zeugnisse von Wagners Liebe zu Mathilde von Wesendonck. Claudio Abbado aber, schmal geworden und doch überpräsent am Pult, gestaltet diese Orchesterlieder zu nervösen, flirrenden Gebilden, lässt hie und da plötzliche Strömungen entstehen, die unerkannt fast zugreifen und ziehen. Reißt an, lässt ahnen, malt nicht aus. Die Auserklärung kommt von der Solistin Anne Sofie von Otter mit ihrem kerngesunden, unverrätselten Mezzosopran. Für Mahler perfekt, irritierend hingegen hier, bei diesen fein zerstiebenden Miniaturen.

Es folgt Robert Schumanns dramatisches Gedicht „Manfred“. Es ist löblich, dass die Philharmoniker sich im Schumann-Gedenkjahr einer so wunderlichen Komposition annehmen. Und gut, das Melodram einmal gehört zu haben. Abgesehen davon aber bleibt es schwierig, jenes einst von Lord Byron als „mental theatre“ konzipierte Stück aus dem inneren in den äußeren Raum zu tragen, aus dem Lesedrama also ein veritables Drama zu machen, mit echten Schauspielern. Mit Bruno Ganz als Hauptfigur zum Beispiel, der die pastellfarben angestrahlten Zuschauerränge hinansteigt. Er rezitiert den Text des zwischen Reue und Wahn Zerrissenen nicht auswendig, sondern fuchtelt maniriert mit dem Skript. Ihm zur Seite stehen Barbara Sukowa als Nemesis, Peter Fitz als schlau-eleganter Abt und Jens Harzer als Gemsjäger, der den Verzweifelten gerade noch vor dem Selbstmord retten kann.

Sängerisch geht es im „Manfred“ allein im Empfindungsbereich zur Sache, bei den Luft- und Naturwesen. Unter ihnen brilliert das Geisterstimmenquartett mit waldhornebenmäßigem Klang (Reinhard Hagen, Andreas Bauer, Sascha Borris, Konstantin Wolff) und der Chor des Bayerischen Rundfunks, klirrend kraftvoll. Die Frau, die einst durch Manfred ums Leben kam, erscheint aus dem Totenreich. „Lebe wohl,“ haucht Astarte (Dörte Lyssewski) von oben, von der Orgelempore. Interessant und wagemutig, dieser Einbruch des Theaters in die Philharmonie. Und doch darf es in Zukunft gern wieder mehr Musik geben, mehr zumindest als diese viel zu kurze Ouvertüre, die lieblich-schmerzlichen musikalischen Sonnenuntergänge und die wenigen Minuten von Tod und Erlösung Manfreds. Ganz liegt da, der Saal ist dunkel, das Publikum schweigt einen langen Augenblick.

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