Kultur : So zarte Züge

100 Jahre DAI in Kairo: eine Jubiläumsausstellung

Peter von Becker

In den unermesslichen Schatzkammern des Ägyptischen Museums von Kairo mag der Raum 44 nur einer Perle in einem Perlenmeer gleichen. Doch was in der überwältigenden Fülle von pharaonischer Kunst, Architektur oder Mumifizierung sonst unterzugehen droht, tritt hier für zwei Monate klein, aber fein zutage. Es ist die Sonderausstellung „Begegnung mit der Vergangenheit – 100 Jahre in Ägypten“, die das Deutsche Archäologische Institut in Kairo soeben zur eigenen Jubiläumsfeier eröffnet hat.

Oder besser gesagt: im bedeutendsten ägyptologischen Museum der Welt eröffnen durfte. Trotz allem aktuellen Streit um die naturgemäß illusionäre Rückgabe der Nofretete-Büste hat die ägyptische Regierung der Geburtstagsausstellung ihren Segen gegeben; und die deutschen Forscher haben tausendundeine Hürde der orientalischen Bürokratien genommen, um nun exemplarisch zu zeigen, was sie seit 100 Jahren am Nil ergraben, gefunden, geborgen und erhalten haben. Etwa 130 Ausstellungsstücke werden dabei in dem intimen, zentral gelegenen Saal im Erdgeschoss des riesigen Museums fast durchweg zum ersten Mal öffentlich präsentiert.

Bisher waren die Stücke meist an den Fundorten verwahrt worden, also in Grabungsstätten deutscher Archäologen etwa auf der südägyptischen Nilinsel Elephantine, im Umfeld der Königs-Nekropolen von Theben-West beim heutigen Luxor und nilaufwärts in Abydos oder im frühchristlich-antiken Abu Mina westlich von Alexandria, nahe dem Mittelmeer. Allein der Transport aus den abgelegenen Wüstengebieten in die neuzeitliche Stadtwüste der 20-Millionen-Metropole Kairo war mit so vielen Auflagen verbunden, dass der Besucher das hintergründige Wunder der Ausstellung allenfalls noch erahnen kann. Aber was er sieht, ist gelungen genug. Neben bis zu fünfeinhalbtausend Jahre alten Alltagsgegenständen, Vasen, Schmuck, Werkzeugen und Schrifttafeln dominieren vor allem exzellente Exemplare der frühägyptischen Plastik. Wunderbar etwa ein zart bemaltes hölzernes Gesicht aus einem Grab in Dra’ Abu el-Naga um 1250 vor Christus.

Prunkstücke sind jedoch die in Zusammenarbeit mit den Restauratoren des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz wiederhergestellten Kupferstatuen des Pharaos Pepis I. aus dem Horus-Tempel von Hierakonpolis. Nach dem ägyptischen Puppe-inder-Puppe-Prinzip steckte die kleinere Statue im Torso der größeren, der lebhaft ausschreitende Doppelkönig aus der 6. Dynastie (um 2300 v. Chr.) ist mit seiner Helmfrisur, bartlos und jungenhaft gegenwärtig, heute die älteste erhaltene Großplastik aus Metall überhaupt.

Wer ihr nachreisen will, ohne bis zum 15. Januar nach Kairo zu gelangen, der kann sich den hervorragenden Katalog, den die Archäologin Ute Rummel auf Deutsch, Englisch und Arabisch herausgegeben hat, gegen eine Spende von 10 € über die Berliner Pressestelle des Deutschen Archäologischen Instituts bestellen: presse@dainst.de. Peter von Becker

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