Kultur : Söhne der Sonne

Schönheit und Trash: „Kommando Hölderlin“ in der Galerie Max Hetzler

Katrin Wittneven

Lange Zeit galt in der Gegenwartskunst nur der Blick nach vorn. Jung mussten die Künstler sein, frisch und unentdeckt. Rundgänge an den angesagten Hochschulen bekamen den Beigeschmack von Werbeverkaufsmaßnahmen für Nachwuchskünstler. Einige hatten schon vor dem Akademieabschluss eine Galerie und produzierten eher für die Messen in Basel, Miami und London als für den Professor. Doch die Lust an der Jugend ist merklich abgekühlt: Häufig wird zu schnell zu viel produziert, und manches davon kommt nicht nur Kennern mehr als bekannt vor. Bestehen kann auf Dauer nur, was so eigenständig ist, dass es auch einem vergleichenden Blick in die Vergangenheit standhält.

Genau diese Überprüfung bietet die Galerie Max Hetzler in ihrer jüngsten Ausstellung. Unter dem revolutionär klingenden Titel „Kommando Friedrich Hölderlin Berlin“ stellen in den Galerieräumen in der Zimmerstraße und in den Osramhöfen junge erfolgreiche Künstler aus der Galerie Guido W. Baudach neben arrivierten Künstlern aus dem Programm von Max Hetzler aus, wobei hier vor allem Arbeiten aus den achtziger Jahren ausgewählt wurden. Die Holzlattenarbeiten von Georg Herold treffen so auf die Baumarkt-Werke von Björn Dahlem, Werner Büttners krude Gemälde und Collagen begegnen Thomas Zipp und Andreas Hofer, Markus Selgs trashiger „Garten Eden“ stößt auf Thomas Struths Fotografie „Paradise 34“, Erwin Kneihsls Luftfotografien treffen auf Günther Förgs Treppenhausbilder, ein abstraktes Riesenformat von Albert Oehlen auf ein Großgemälde von André Butzer. Eine Staffelübergabe? Oder nur ein Aufwertungsmechanismus, bei dem die neuen Namen ein wenig mehr schillern, weil die anderen schon historisch verbürgten Glanz besitzen? Oder umgekehrt: eine Frischzellenkur für Künstler, die in die Jahre gekommen sind?

Nichts von alledem. Der Berliner Maler André Butzer ist die Schlüsselfigur des Projektes. Er wird nicht nur als Einziger von beiden beteiligten Galerien vertreten, sondern hat das Gemeinschaftsprojekt angeregt, wie schon einige „Kommando“-Ausstellungen in Deutschland und den USA zuvor. Hölderlin ist für ihn Schutzheiliger und Lieblingsdichter zugleich, der „erste Science-Fiction-Dichter“, der die Utopie eines künstlerischen Olymps verfolgte. Das gleichnamige, über vier Meter breite Bild von Butzer zeigt indes eine zerbrochene Utopie. Eine Figur zwischen Totenkopf, Micky- maus und Munchs „Schrei“ steht mit in die Höhe gerissenen Ärmchen neben einem mit „N“ betitelten Haus, das keine Zuflucht zu bieten scheint. Der Malgestus ist heftig, die grellen Farben erinnern an Plaka-Farben aus dem Kinderladen. Die Farbe ist mit einer Geschwindigkeit über diese Leinwand geflossen, als hätte es im Atelier gebrannt.

Diese Unmittelbarkeit und Dringlichkeit erinnern an die frühen Arbeiten von Büttner und Oehlen, die auch in dem aktuellen, fast sieben Meter breiten abstrakten Querformat von Albert Oehlen noch nachklingen. In seiner Präzision und hellen Farbigkeit kommen dem Betrachter Computerbilder in den Sinn. Die Farben verschwimmen stellenweise zu einem undefinierten Graubraun.

Die Qualität der Ausstellung liegt im Aufspüren solcher geistiger und inhaltlicher Verwandtschaften: Der heruntergefallene Totenschädel und die Kopfform der Figur bei Butzer nehmen Bezug auf die deutsche Geschichte, auf SS-Uniformen, Themen, die von Albert Oehlen und Werner Büttner immer wieder aufgegriffen wurden. Anfang der achtziger Jahre traten sie – zusammen mit Martin Kippenberger und Markus Oehlen – als Künstlergruppe auf, stellten gemeinsam bei Hetzler aus. Mit ihrer Trash-Ästhetik überschritten sie gezielt die Grenzen des guten Geschmacks und legten mit beißendem Spott und absurdem Humor den Finger in die Wunden der jüngeren deutschen Geschichte. Bereits 1976 hatten Büttner und Oehlen die „Liga zur Bekämpfung des widersprüchlichen Verhaltens“ gegründet, die wie viele ihrer folgenden Nonsens-Projekte und zahlreichen Publikationen immer auch die eigene Rolle als Künstler reflektierten.

Es gibt viele Parallelen zu der noch jungen Geschichte der fabelhaften Baudach-Boys, die in dem Off-Space „Maschenmode“ in einer ehemaligen Damenschneiderei begonnen haben, anfangs begleitet durch Thomas Zipps benachbarte Bar „Dirt“. Auch hier wurden zahlreiche seltsame Gemeinschaftsprojekte ausgeheckt, Kataloge produziert und das Magazin „Die Meise“ mit „freiheitlich-liberaler Botschaft“ herausgegeben. Vor allem die Geisteshaltung, der subversive Humor verbindet diese beiden unterschiedlichen Künstlergenerationen. „Näher der Sonne singen ja auch die Vögel nicht“, heißt es in Butzers Hölderlin-Vitrine. Hier erklingt ein Konzert.

Galerie Max Hetzler, Zimmerstraße 90/91, und Oudenarder Straße 16–20, Osramhöfe, bis 17. März, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben