Kultur : Sohn der Angst

Schach mit Chargen: Michael Thalheimer besucht Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ am Deutschen Theater Berlin

Rüdiger Schaper

Tja. Da verschlägt’s dem alten Herrn die Sprache, wenn er diese jungen Leute sieht. Tja, stößt es aus ihm heraus, immer wieder tja. Ein komischer Kauz ist Jörg Gudzuhn als märkischer Landmann. Im Grunde hat er Mitleid verdient, weil er nur noch ein Zuschauer des Lebens ist. Tja, und seine Gemahlin plappert das Unglück geradezu herbei: Barbara Schnitzler als erdrückend fürsorgliches Muttertier. Man sieht die braven, schrecklich reduzierten Eltern – und den Rest kann man sich bereits denken. Dass es nicht gut gehen wird mit dem schriftstellernden Herrn Sohn und seiner zarten Frau, die selbst soeben ein Söhnchen zur Welt gebracht hat.

Die große Kunst des Michael Thalheimer besteht darin, dem Offensichtlichen ein Geheimnis einzuhauchen. Er stellt (klassische) Dramen bloß, um das Skelett zum Glühen zu bringen: „Liliom“, „Emilia Galotti“, „Liebelei“. Thalheimer ist einer der formstärksten und -sichersten Regisseure dieser Zeit. In seinen Inszenierungen überwintert das traditionelle Repertoire als Artefakt; wie in Bernstein eingeschlossen. Bei seinem rasenden Arbeitstempo stellt sich aber allmählich die Frage, welche Stücke ihm bleiben – ob das Ausdünnen und Modellieren immer funktioniert. Ob er sich nicht selbst ausdünnt.

Wenn er jetzt wieder mal am Deutschen Theater Berlin einen Erfolg landen soll und Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ ihres Milieus entkleidet und auf den Laufsteg schickt, bleibt nicht mehr viel. Man möchte bald in Gudzuhns Seufzer einstimmen. Tja, und was erzählt uns dieser deutsche Ibsen vom Müggelsee, Baujahr 1890?

Familiendrama. Das ist vor Weihnachten natürlich ein Thema. Alt und Jung, Ehefrau und Geliebte – das sind halt Evergreens. Dass Thalheimer fatale Konflikte groß ausdeutet, erwartet niemand. Doch dass er die Tragik bloß noch zynisch abhakt, ist eine arge Enttäuschung. Weil er es so durchschaubar – und so clever macht. Und ein bisschen unfair. Die Alten werden aufs Chargengleis geschoben, die Jungen sind – mit System – unter- oder überbesetzt. Die Aufführung ist an den Rändern stark. Sie implodiert im Zentrum. Thalheimers Theater will an einer staubigen Antiquität seine Schlauheit beweisen.

Nina Hoss – die schöne, hochgewachsene Nina Hoss – als biederes Ehefrauchen! Da steht sie, eine bildschöne, hochelegante Thalheimer-Statue, und leidet. Weiß gar nicht, woran sie leidet. Nur dass ihr Mann immer so schroff und abwesend ist und neuerdings mit einem fremden Fräulein auf dem See herumrudert und philosophische Gespräche führt. Tja: Nina Hoss soll eine Frau von gestern sein, unselbstständig, dem Manne befohlen, schüchternes Heimchen?

Mit Robert Gallinowski verhält es sich genau umgekehrt. Ihm sieht man auf hundert Metern Entfernung an, dass er einen Grübler, ein Weichei, ein Nervenbündel spielt. Unrasiert, mit zerzaustem Haar und fahrigen Gesten klagt er der Welt sein Leid und seine Leere. Gallinowski liegt so erwartbar auf der Rolle des verkrachten, präpotenten, eitlen Intellektuellen, wie Nina Hoss daneben. Ingo Hülsmann wiederum, als Künstler und Freund des Hauses, zeigt eine bärenstarke Nebenfigur. Das ist mittlerweile Hülsmanns Spezialität am Deutschen Theater – das Kraftwerk, das aufreizend untertourig läuft. Tja, und dann wäre da noch Katharina Schmalenberg als Anna; die moderne, ungebundene Frau, nach der sich der junge Herr des Hause verzehrt. Man muss wirklich wäre sagen, weil Thalheimer sie kaum auf die Bühne lässt. Er macht sie zur Männerfantasiefigur – verschenkt ihre schöne, starke Bühnenpräsenz. Spät rührt sich was: Schmalenberg und Hülsmann wälzen sich plötzlich in einer wildbrutalen Abschiedsszene am Boden.

Lange Auf- und Abtritte, Paar- und Gruppenbildungen an der Rampe, gequälte Fröhlichkeit, aufblitzende Glücksmomente. Es geht in anderthalb Stunden alles seinen bekannten Thalheimerschen Gang, wenn er diesmal auch Inseln beinahe realistischen Schauspiels betritt. Es wirkt alles ein bisschen gelackt. Tja, und dann beginnt sich Henrik Ahrs Bühne mit der abstrakten Portalarchitektur zu drehen zu Bert Wredes sentimental aufschäumender (Film-)Musik. Die beiden Frauen stehen da, dazwischen tritt, schon im Dunkeln, der Gallinowski-Mann, und fertig.

Den Originalschluss lesen Sie im Programmheft, mit Selbstmord usw. Falls man das jetzt noch wissen will, nachdem man über diese jungalten Menschen und ihre Einsamkeiten herzlich wenig erfahren hat. Tja.

Wieder am 27. Dezember sowie am 3. und 16., 17. Januar 2004.

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