Sohn eines RAF-Opfers : ''Man darf nicht nur die Täter sehen''

Clais von Mirbachs Vater wurde 1975 von der RAF ermordet. Mit dem Tagesspiegel sprach er über Uli Edels Film "Der Baader-Meinhof-Komplex“ und die Tatsache, dass bis heute die Täter mehr Raum einnehmen als ihre Opfer.

Baader Meinhof Komplex
Szene aus Uli Edels Film "Der Baader Meinhof Komplex" -Foto: dpa

Herr von Mirbach, der Film „Der BaaderMeinhof-Komplex“ über die Geschichte der RAF zeigt auch die Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm 1975, deren erstes Opfer Ihr Vater war. Was empfanden Sie, als Sie den Film sahen?

Unterschiedlichste Gedanken, auf verschiedenen Ebenen. Zuallererst als Angehöriger. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass die Mordszene nicht schön werden würde. Immerhin zeigt sie, welch barbarische Tat das war. Das empfinde ich als großes Verdienst des Films, weil Stockholm häufig beschönigend als Botschaftsbesetzung oder Geiselnahme bezeichnet und die Tatsache, dass zwei Menschen ermordet wurden, ausgespart wird. In Wahrheit war der Mord sogar noch brutaler.

Inwiefern?

Die Hinrichtung meines Vaters wird im Film extrem gerafft. Dadurch entsteht der Eindruck, die Situation habe sich in kurzer Zeit hochgeschaukelt und geradezu folgerichtig in den Schüssen entladen. In Wahrheit musste mein Vater eine halbe Ewigkeit, über eine Stunde lang, immer wieder über den Countdown seiner eigenen Erschießung verhandeln. Als das von der RAF an die Bundesregierung gestellte Ultimatum verstrichen war, haben zwei Täter ihn gefesselt an die Treppe geführt und aus unmittelbarer Nähe geschossen. Sie haben nicht aus dem Affekt heraus in heller Aufregung eine Salve abgefeuert. Sie hatten alle Zeit der Welt, sich zu überlegen, was sie tun. Der Film zeigt auch nicht, dass die Terroristen meinen Vater anschließend kopfüber die Treppe hinunterwarfen und ihn schwer verletzt liegen ließen, bis sie sich nach langwierigen Verhandlungen mit der schwedischen Polizei bereit erklärten, ihn bergen zu lassen. Da war es zu spät.

Man könnte dem entgegenhalten, dass der Film die Ereignisse aus Zeitgründen nicht ausführlich erzählen kann.

Natürlich, das verstehe ich. Andererseits nimmt er sich mit den Tätern sehr viel Zeit, etwa bei der Festnahme von Baader.

Sie sprachen von mehreren Ebenen, auf denen der Film Sie beschäftigt hat?

Ich sehe den Film auch in meiner Eigenschaft als Staatsbürger, der sich fragt, ob dieser Teil der Geschichte angemessen abgehandelt wird. Zunächst fällt auf, dass der Film die Taten in keiner Weise beschönigt. Das empfinde ich als unerlässlich, weil man Menschen am besten daran erkennt, was sie tun und wie sie es tun. Der Zuschauer kann auch anhand der Taten beurteilen, ob sie tatsächlich von Idealisten und Menschenfreunden begangen wurden. Außerdem ist der Film sehr bemüht, historisch exakt zu sein. Auch das finde ich wichtig, weil man geschichtliche Vorgänge nur anhand zutreffender Fakten bewerten kann. Diesem Anspruch wird der Film weitgehend eindrucksvoll gerecht, soweit ich das beurteilen kann. Gleichwohl ist er historisch lückenhaft.

Was fehlt?

Zum Beispiel jeder Hinweis auf eine etwaige Verwicklung der DDR, die es wohl gegeben hat. Meines Wissens stellt der Filmautor die These auf, dass ein Teil der Studentenbewegung, geprägt durch Ereignisse wie den Tod von Benno Ohnesorg oder das Attentat auf Rudi Dutschke, zwangsläufig den Weg in die Gewalt gehen musste. Diese Zwangsläufigkeit ist aber fraglich, wenn es auch Anstöße von außen gab. Ferner erfährt der Zuschauer nicht, dass der Terror nicht 1977 endete, sondern eine dritte Generation weitere Morde verübt hat, die allesamt nicht aufgeklärt sind. Da es immer um etwaige Überreaktionen des Staates geht, wäre auch der Hinweis interessant gewesen, dass heute bis auf zwei Täter alle lebenslänglich Verurteilten vorzeitig entlassen oder begnadigt wurden. Vor allem vermisse ich die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz im Februar 1975 im Film.

Warum sehen Sie das kritisch?

Weil der Film Wert darauf legt, die Motivation der RAF nachzuzeichnen. Insofern ist das erfolgreiche Freipressen von Terroristen durch die Lorenz-Entführung das Schlüsselereignis für alle weiteren Erpressungsversuche. Keine drei Monate danach erfolgte der Überfall auf die Botschaft in Stockholm mit der Forderung, 26 Terroristen freizulassen. Das scheiterte zwar, aber die Terroristen hatten weiter die Hoffnung, den Erfolg der Lorenz-Entführung zu wiederholen. Das war der Anreiz zur versuchten Ponto-Entführung und zur Schleyer-Entführung. Die Lorenz-Entführung zeigt einen schwachen Staat und die Folgen des Nachgebens. Alle Freigepressten haben sich später wieder terroristisch betätigt.

Regisseur Uli Edel sagte im „Spiegel“, ihm sei klar, dass es Kritik geben werde, weil er die Geschichte der Täter erzählt und jene der Opfer außen vor lässt. Er habe deswegen zumindest die Geschichte des Mordes aus der Perspektive der Opfer erzählt und sei mit der Kamera in diesen Momenten bei ihnen. Wie denken Sie darüber?

Sicher ist es eindrucksvoll, als Zuschauer das Mündungsfeuer auf sich zukommen zu sehen. Aber das ist kein Ersatz dafür, sich damit zu befassen, wen die Kugeln getroffen haben. Meines Erachtens ist die Sicht auf die Opfer unverzichtbar, um den Gesamtkomplex RAF richtig einzuordnen. Eine wesentliche Rechtfertigung der Täter war ja die, dass sie die „richtigen“ Opfer ausgesucht hätten. Dafür gab es in Teilen der Öffentlichkeit auch „klammheimliche Zustimmung“. Weil der Film die Opfer nur als Ziele darstellt und nicht als Menschen, nicht mit ihren Familien, nicht im Kontext ihrer Zeit, kann diese Legitimation nicht hinterfragt werden. Statt auch auf ihre Betrachtungsebene zu wechseln, übernimmt der Film die Opfer als genau das, worauf die RAF sie reduziert hat. Sie bleiben gleichsam wie Hanns Martin Schleyer „Gefangene der RAF“.

1977 gipfelte der RAF-Terror in den Ermordungen von Ponto und Schleyer und der Entführung der „Landshut“. 30 Jahre danach wurde viel über die RAF diskutiert, auch wegen der vorzeitigen Haftentlassung Brigitte Mohnhaupts und des Gnadengesuchs von Christian Klar. Hat sich die Diskussion über die RAF verändert?

Ich hatte letztes Jahr den Eindruck, dass es zum ersten Mal nicht nur um die Täter ging – um ihre Wege in die Gewalt oder die Frage, inwieweit ihnen durch Haftbedingungen oder etwaige Überreaktionen des Staates Unrecht geschehen ist und wann man ihnen Gnade zuteil werden lassen sollte. Man hat den Blick auch auf die Opfer gerichtet, darauf, wer und wie sie waren. Dieser Ansatz fehlt im Film.

Der Film verfolgt angeblich das Ziel, den Mythos RAF zu entzaubern.

Ich weiß nicht, worin der Mythos RAF eigentlich besteht. Sofern es dem Film darum geht, die RAF auch als brutale Mörder zu zeigen, mag das bei jenen etwas zerstören, denen das bislang nicht klar war. Wirklich Neues habe ich aber nicht gesehen, außer vielleicht, dass die Taten nicht beschönigt werden. Zur Entzauberung trägt andererseits nicht bei, dass die Täter vielschichtig und von den besten Schauspielern unseres Landes dargestellt werden. So bewirkt der Film unfreiwillig eine Identifizierung mit den Tätern. Das wird verstärkt durch die unbarmherzige Darstellung ihrer Gegner, der staatlichen Repräsentanten. Mit Ausnahme der weitgehend fiktiven Figur des Horst Herold erscheinen sie als Karikaturen, blasiert, hämisch und unsympathisch.

Welche Fragen sind in der Auseinandersetzung mit der Geschichte der RAF wichtig?

Auseinandersetzung erfordert Faktenkenntnis. Die ist nach wie vor lückenhaft. In vielen Fällen ist bis heute unklar, wer geschossen hat und wie die Taten vorbereitet wurden. Wie wurden die Opfer ausgewählt? Welche Rolle spielte Unterstützung von außen, Stichwort DDR? Die Taten ab Mitte der achtziger Jahre sind nicht einmal juristisch aufgeklärt. Zum Teil ist noch unbekannt, wie sich die staatlichen Organe verhalten haben. Das alles zu klären ist wichtig, von einem Spielfilm aber natürlich nicht zu leisten.

Warum nehmen bis heute die Täter aus der RAF mehr Raum ein als die Opfer?

Man muss sich mit den Tätern befassen, um zu verstehen. Dabei besteht stets die Gefahr, dass Verstehen in Verständnis umschlägt. Man muss Distanz wahren und darf die Betrachtung nicht auf die Täter verengen. Nur so wird das Bild vollständig. Als Kontrollüberlegung für die Befassung mit linksextremistischen Taten mag dienen, wie man sich die Aufarbeitung rechtsextremistischer Taten wünscht. Da nehme ich bis heute erhebliche Unterschiede wahr.

Das Gespräch führte Anne Ameri-Siemens. Ihr Buch „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“ ist soeben bei Piper als Taschenbuch erschienen (295 S., 8,95 €)

Clais Baron von Mirbach, 45, ist Rechtsanwalt und Sohn des 1975 von der RAF ermordeten Diplomaten Andreas Baron von Mirbach. Er ist heute in der ARD-Sendung „Anne Will“ zu Gast.

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