Kultur : Solange das Make-up hält

PETER HERBSTREUTH

"Ich wollte eine angenehme und fröhliche Ausstellung für jung und alt machen," so Kurator Eric Troncy beim Rundgang durch die Schau mit Werken von 33 Künstlern von Andy Warhol bis Angela Bulloch, Philippe Parreno, Tobias Rehberger.Dafür kombinierte er Einzelwerke, die zumeist bereits in anderen Zusammenhängen zu sehen waren, in Leipzig jedoch fast alle zum ersten Mal präsentiert werden.Insofern mag es für Leipziger starker Tobak sein, für Auswärtige ist es milde Mischung.

Nach Eröffnung der umgebauten Villa im Frühsommer dieses Jahres gibt die Galerie mit dieser auf 160 000 Mark veranschlagten Schau ihren Einstand als Ausstellungshaus für Gegenwartskunst.Die Anordnung großer und kleiner Räume, die sich auf zwei Etagen jeweils zum Rundgang fügen, legt es nahe, den Einzelraum als Prinzip der Ausstellung zu begreifen und geschlossene Einheiten zu bilden.

Der Titel "weather everything" ist der Name eines neuen Make-ups, das "bei jedem Wetter" die Haut faltenlos hält.Der Kurator sucht Bezüge in allen Bereichen, will sich gegen klimatische Umschwünge feien, peilt auf extreme Mittellage und präsentiert nun eine Revue, die vieles zeigt und jedem etwas bringt.Die Verbindung von Sex und Keuschheit zieht immer.Eine Heiligenfigur zu ebener Erde und in Pumps aufgesockelte Nacktmodelle groß an der Wand eröffnen den Rundgang.Langbeinig aufragende Frauen aus Helmut Newtons Kamera umstellen Katharina Fritschs gelbbesprühte Madonna.Optisch zumindest für Männer ein Genuß, ist die Kombination gleichwohl ein Klischee, bei dem man sich wundert, daß es in einem Kunstraum noch so ungebrochen gezeigt wird.

Drei brauntonige holzschnittartige Tafelbilder von Bernard Buffet hängen auf einer Flokkati-Bespannung von Sylvie Fleury.Auch hier kollidiert der Kitsch aus Salons vergangener Zeiten, entlädt sich in einem "Oh, wie schauderlich!" und läßt sich als "camp" goutieren.Doch der Besucher ist erstaunt, wie kraftvoll die Figuren von Duane Hanson geblieben sind, gleichgültig ob sie neben einem schwungvoll aufspringenden Roller-Skate stehen oder inmitten eines Tapetenraums mit Andy Warhols Mao-Köpfen sitzen.Sie wirken als radikaler Kontrast zur Umgebung.

Aber der Anschein eines Gegenübers ist selten.Der Kurator hat die Werke selbst da als Zeichen und Zitat arrangiert, wo von Künstlern einst schockhafte Präsenz beabsichtigt war.Dadurch wird alles dünner, flacher, blasser.Die Inszenierung eines Spiels mit Zitaten stellt sich nur dann als die vom Kurator gewünschte "reale Erfahrung" ein, wenn sie sich auf ein Vorverständnis richtet, das von Kunst erwartet, die Parameter des Imaginären im Gedächtnis des Körpers weiterzutragen.

Wo aufregende Kunstwerke von einst aber als Spielmaterial wie in theatralischen Renaissance-Parks dienen, verwandeln sie sich in Kulissen, die nur nach einem Publikum als Besuchermasse verlangen und ihm eine Bühne bieten.Deshalb ist der beste Raum derjenige, der diese Situation mit Werken von Dan Graham, Liam Gillick, Sarah Morris ins Kalkül nimmt und ein Foyer in kühlen Farben herstellt, das ein Klima anonymer Macht suggeriert.Hier wird alles akut.Die Floskeln verfliegen.Die umstandslose Benennbarkeit und Erinnerung an vergangene Debatten hören auf.Alles verweist auf industriell gefertigte Gebäude mit Kunst-am-Bau-Programmen.Davon läßt sich ausgehen, solange das Make-up hält.

Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig, bis 1.November; Katalog in Vorbereitung.

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