Kultur : Sollbruchstelle

Gemälde von Marcel van Eeden in der Galerie Zink

Simone Reber

Überall Totenköpfe. Als könnten nur die leeren Augenhöhlen unsere Sehnsucht nach der Ewigkeit erfüllen. War die Vergangenheit ewig? Waren wir tot, ehe wir geboren wurden? Fragen, die Marcel van Eedens Projekt „Enzyklopädie des Todes“ aufwirft.

Fünfzehn Jahre lang hat der Niederländer Tag für Tag Bilder aus der Zeit vor seiner Geburt gezeichnet und die Blätter im Internet veröffentlicht. Nach der Berlin Biennale von 2006, die in der Jüdischen Mädchenschule Szenen mit Szenen aus dem fingierten Leben des Botanikers K. M. Wiegand bestückte, wurden ihm die Arbeiten aus den Händen gerissen. Doch dann vermeldete das Tagebuch: „The End“. Zu groß war die Furcht, in Virtuosität zu erstarren.

Am 22.11.2007, an seinem 42. Geburtstag, hat Marcel van Eeden zu malen begonnen. „Sensational – New Way to Paint“ nennt der Künstler ironisch das Ergebnis. Die ersten Schritte muten wacklig an. Absichtlich hält van Eeden die Malerei grob und unfertig, mitunter trägt er die Farbe so pastos auf, dass sich Objekte dreidimensional von der Leinwand abheben. Oswald Sollmann heißt diesmal sein Held, eine Mischung aus dem Kennedy- Attentäter Lee Harvey Oswald und dem Pharmakologen Torald Hermann Sollmann. Wieder taucht Marcel van Eeden in die Dunkelheit seiner Nicht-Existenz und schürft nach Bildern, die er selbst nie gesehen hat.

Doch diesmal jagt der Nachtfalke die Farbe. Ein Totenkopf giert nach einer prallen Kirsche. Ein Mann tritt aus dem Dunkel hervor. Sein Hemd leuchtet hell – die roten Streifen der Krawatte lassen den Schatten bedrohlich gegenwärtig erscheinen. Hier spielt Marcel van Eeden mit dem Feuer. In Gestalt eines Mörders nähert sich sein Anti-Leben gefährlich seinem Dasein. Hier ist die Malweise feiner, die Erscheinung wirkt entrückt und doch vital. In der rohen Ausführung vieler anderer Gemälde scheint die Vergangenheit zu leicht zu fassen.

Als verdüsterte Welt hat Marcel van Eeden bisher die Zeit vor seiner Geburt gezeichnet. Mit der Farbe muss er sich nun dem Licht aussetzen. Welche Versuchung! Sich nicht mehr zu verweigern und künstlerisch einzutreten ins eigene Leben. Aber noch ist die blutrote Kirsche unerreichbar für den schwarzen Totenschädel. Simone Reber

Galerie Zink, Schlesische Straße 27; bis 15. Mai, Di – Fr 13 - 1 8 Uhr, Sa 12 -16 Uhr.

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