Kultur : Solo für alle

Fluchtversuche: Benito Zambranos „Havanna Blues“

Roman Rhode

Titel können täuschen. „Ein FeelgoodMovie, dessen Tempo einen aus den Sitzen reißt“, steht im Presseheft zu „Havanna Blues“. Doch Benito Zambrano, der spanische Regisseur, hat nicht einfach einen weiteren Musikfilm über Kuba gedreht, sondern ein Drama. Die Musik ist eher der aufreibende Soundtrack zur Handlung, zu den Bildern der Stadt. Und die sind endlich einmal frei von romantischer oder nostalgischer Verklärung. Eine kurze nächtliche Fahrt über den Malecón, die Uferpromenade Havannas, zeigt weder den morbiden Charme einer vergangenen Glanzepoche noch die vermeintliche tropische Lebensfreude. Sie führt an kalten Neonlichtern vorbei, an Schnellrestaurants, Warteschlangen und Leuten, die einsam und geduldig auf eine bessere Zukunft hoffen. Allein diese flüchtige Einstellung ist Blues genug. Zusammen mit der Musik, die man grob als Crossover-Rock bezeichnen könnte, lässt sie einen nicht los.

In Spanien, wo „Havanna Blues“ vor einem Jahr in die Kinos kam, war der Film ein Hit und wurde für Schnitt und Originalmusik (in Deutschland nun auch als CD bei Warner erschienen) mit zwei „Goya“-Trophäen ausgezeichnet. Zambrano, der an der kubanischen Filmhochschule in San Antonio de los Baños studiert hat, liefert mit „Havanna Blues“ seinen zweiten Spielfilm, eine spanisch-französisch-kubanische Koproduktion. Was ihn von Wim Wenders („Buena Vista Social Club“) oder Germán Kral („Música Cubana“) unterscheidet, ist der unmittelbare Blick auf den kubanischen Alltag, den Zambrano – als Ausländer – zugleich mit einer kritischen Perspektive konfrontieren kann.

Dass sich auf Kuba neben dem traditionellen Son und deren greisen Interpreten längst eine pulsierende Musikszene entwickelt, hat Germán Kral in „Música Cubana“ gezeigt. Aber während Kral eine märchenhafte Erfolgsstory dichtet, die in einem triumphalen Konzert in Tokio endet, unternimmt Zambrano einen Streifzug durch den musikalischen Untergrund Havannas. Den Protagonisten Tito und Ruy fehlt ein geeigneter Probenraum, und von Auftrittsmöglichkeiten können sie nur träumen. Denn HipHop, Post-Punk oder Heavy Metal gelten den kubanischen Behörden als suspekt, weil sie eine nicht institutionalisierte Revolte verkörpern.

Zu einem Politikum gerät die Sache, als Talent-Scouts einer spanischen Plattenfirma die Band von Tito und Ruy unter Vertrag nehmen wollen. Plötzlich stehen die ausreisewilligen Musiker, die sich im Exil das Paradies versprechen, vor einer schweren Entscheidung. Zwar ließe sich der Knebelvertrag noch verkraften, doch als klar wird, dass sie von der Firmenleitung in Miami politisch gegen das Castro-Regime instrumentalisiert werden, regt sich Widerstand.

Eindringlich stellt Zambrano die Zerrissenheit der Musiker dar, die zwischen der Heimat mitsamt gängelndem Tropensozialismus und Mangelwirtschaft, einem goldenen Käfig im Exil und persönlicher Würde abwägen müssen. Als die Band schließlich doch ein Konzert stemmt, steigt Titos Frau mit ihren beiden Kindern in ein Flüchtlingsboot – Richtung Florida. Der selbstverliebte Musiker hat seine Familie weder ernähren noch halten können.

Wie in dieser tragisch-fulminanten Schlussszene Konzert und Flucht ineinandergeschnitten sind, ist ergreifend. „Arenas de Soledad“ spielt die Band – schwermütigen Gitarrenrock an einem einsamen Strand unterm kaputten Dach eines verfallenen Saals. Havanna, so zeigt Zambrano, hat das Recht, um die Flüchtlinge und die Bleibenden zu weinen, egal zu welchem Rhythmus. Erstaunlich, dass bei diesem hochbrisanten Thema die Zensur nicht eingegriffen hat. Im Drehbuch mussten lediglich Passagen gestrichen werden, in denen es um Drogen ging.

Andererseits: Der Film ist bis heute in keinem kubanischen Kino zu sehen. Nur auf dem Filmfestival von Havanna wurde er gezeigt und von der internationalen Jury mit einer Würdigung bedacht – als bester Film über Lateinamerika von einem nicht aus Lateinamerika stammenden Regisseur.

In Berlin in den Kinos Central (OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, FT am Friedrichshain, Neue Kant Kinos, Passage

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