Kultur : Sommer 2001: Last Minute Berlin: Hier gilt kein Gesetz

Kai Müller

"Jetzt gäb ich tausend Hufen See für einen Morgen dürren Landes: Hohe Heide, braunen Ginster, was es auch wäre."
(Shakespeare, "Der Sturm")

"Schiffsrundfahrt!" Der Mann brüllt es aus heiserer Kehle. Er lehnt an einem Gatter, einen Lederbeutel unter den Bauch gebunden, und fingert nervös an einem Billet-Heft herum. "In zehn Minuten große Schiffsrundfahrt!", schallt es über die Uferpromenade. Abseits, im Schatten einer Allee, sitzen Rentnerpaare und blicken auf den Tegeler See. Es sieht nicht so aus, als wollten sie den weißen Ausflugsdampfer gleich stürmen, für den der Mann im ärmellosen Shirt, mit kurzer, weißer Hose und dem Lederbeutel wirbt.

Ich strecke ihm meine Karte, eine Straßenkarte, hin, mache eine ungefähre Handbewegung, als er schon sagt: "Wo wollnse denn hin, junger Mann?" Ich suche eine Trauminsel, will ich sagen, frage aber nur: "Welche von diesen Inseln, würden Sie sagen, ist die schönste?" "Was weiß ick", sagt er, "ick schau mir die Landschaft für jewöhnlich nicht an."

"Denn ach! Mich trennt das Meer von den Geliebten,/ Und an dem Ufer steh ich lange Tage,/ Das Land der Griechen mit der Seele suchend."
(Goethe,"Iphigenie auf Tauris")

Inseln sind Prüfungen. Manche werden von Fabelwesen bewacht, andere von Nebelbänken umhüllt, und betreten kann sie nur, wer ein reines Wesen hat. Nicht ohne Grund war "Utopia" bei Thomas Morus eine Insel, über deren Lage nichts bekannt war. Auch "Neu-Atlantis", der Traumstaat Francis Bacons, erschien seinen Entdeckern erst nach einer langen Irrfahrt. Eine in sich geschlossene Welt in der Welt. Schließlich kehrte Edgar Allan Poes Matrose Gordon Pym von seinem mystischen Eiland nicht wieder. Die Inseln im Tegeler See seien meistenteils unzugänglich, wird mir bedeutet. Doch dann zeigt der Ticket-Verkäufer auf einen kleinen Fleck namens Reiswerder: "Wird auch Trinker-Insel genannt, weil dort ein Gasthaus steht." "Die haben einen eigenen Bürgermeister und eine eigene Polizei", weiß ein Kollege. Ich denke an Helgoland, den "Fuselfelsen", und erwäge einen Versuch. Doch ohne Erfolg. Denn dort, wo eine Passagierfähre übersetzen sollte, ist ein Badestrand. Jugendliche haben die Pfähle des Anlegers erklommen und springen kopfüber ins Wasser. Eltern blasen Schwimmflügel auf. Kaum ein Fleckchen, der nicht von Körpern bedeckt wäre. Mutter und Sohn haben sich in Ermangelung einer Sandburg einen Schutzwall zum Aufblasen mitgebracht. Sie liegen bäuchlings und verfolgen den Tumult verdrossen über schlaffe Plastikwülste hinweg. Am Inselufer gegenüber kann man die Fähre sehen, aber sie macht keine Anstalten, in dieses Getümmel zurückzukehren.

Ein Stück weiter hängt an einer Laterne erneut ein Schild, auf dem Fähre steht. Zwischen Maschendrahtzäunen und aufgebockten Booten hindurch gelangt man zu einem Holzsteg und einer Zeittafel. Die "MS Odin" pendelt im Stundentakt zu den Inseln Maienwerder und Valentinswerder am südlichen Ausgang des Tegeler Sees. "Wollen Sie jemanden besuchen?", fragt mich eine Frau, während ich die Abfahrtszeiten studiere. "Meine Liebe zu Valentinswerder begann auf diesem Steg", erklärt sie und stellt sich als "die Inselkaiserin" vor. 1984 habe sie auch hier gestanden, ohne zu wissen, was sie erwarten würde. Ein Arbeitskollege hatte sie eingeladen. Als man ihr später riet, wieder aufzubrechen, um die letzte Fähre noch zu erreichen, sei sie einfach geblieben.

Ich sehe auf der anderen Seite des Wassers nur eine von Bäumen beschattete Schrebergartenkolonie. Das sei Maienwerder, Valentinswerder liege dahinter. "Kennen Sie das Bundeskleingartengesetz?", fragt die Inselkaiserin. "Darin werden alle Einzelheiten einer Gartenkolonie festgelegt, Parzellengröße, Zaunhöhe und Vegetation. Doch auf Valentinswerder gelten diese Bestimmungen nicht, denn die Insel befindet sich in Privatbesitz."

"Zu meinen Füßen lag die Insel in ihrer ganzen Schönheit. Wie konnte Kaiser Timberio an solchem Orte leben und so grausam sein!"
(Axel Munthe, "Das Buch von San Michele")

Die "Odin" ist eine Nussschale. Der Steuermann begüßt jeden mit Namen, Schwimmwesten baumeln an einer Holzstange. An der Insel stoppt er kurz, die Passagiere springen auf den Steg, und gurgelnd schiebt sich der Kahn davon. Um hier wieder runterzukommen, muss man auf seine Rückkehr warten. "Die Insel war vollkommen zugewachsen, als ich sie zum ersten Mal betrat", erzählt die Inselkaiserin, und ihre Stimme vibriert bei der Erinnerung an diesen Ursprung.

Vor 200 Jahren gab es Valentinswerder nicht. Der Tegeler See war ein Wasserloch im märkischen Sand. Erst mit der Ansiedlung der Borsigwerke und Siemens und AEG änderte sich das. Die Gegend wurde von den Arbeitern als Lauben-Region entdeckt, überall erstreckten sich riesige Gartenkolonien. Die Industrie verbrannte zur Energiegewinnung Koks, dessen Schlacke sie in den See kippte. So wurden über die Jahre kleine Inseln aufgeschwemmt, denen ein Zufall der Natur half: Ahornbäume schlugen Wurzeln im Schlamm. Die Gunst der Stunde nutzte ein Mann, der schlicht "Opa Haberkern" genannt wird. Der Bauunternehmer kaufte Valentinswerder 1874, um - dem Vorbild Lennés nacheifernd - auf der Insel eine Parklandschaft zu errichten. So ließ er eine Nord/Süd- und eine Ost / West-Achse anlegen und kreierte im Zentrum ein klassizistisches Rondel. Er selbst wohnte in einem eingeschossigen Herrenhaus.

Doch irgendwann geriet das ehrgeizige Projekt in Vergessenheit, die Parkarchitektur überwucherte, und wohlhabendere Westberliner, Rechtsanwälte und Ärzte, entdeckten das verwunschene Eiland als Zufluchtsstätte. Neben alten Backsteinhäusern, die von schattigen Bäumen überragt werden, stehen auf den hundert Grundstücken vor allem kleine Holzhütten. Strom und Wasser gibt es hier nicht. Ein ausgetretener Pfad führt um die Insel herum, im Schilf liegen Motorboote, brüten Enten und andere Vögel. Trotzdem hat sich hier vieles verändert, erklären zwei Frauen, die plötzlich aus einem Gebüsch treten. Denn der in Bremen lebende Urenkel des Großgrundbesitzers wolle die von seinem Urgroßvater entworfene Landschaft wieder herstellen. Eine "neue Schniekigkeit" könnte sich auf der Insel breit machen, fürchten sie. So werde neuerdings das Gras in den Gärten so kurz gehalten wie auf einem Golfplatz.

Inselbewohner sind Emigranten. Ein seltsames Genügen ergreift sie bei dem Gedanken, aus der Welt zu sein. Auf Valentinswerder kommt diese Welt allerdings selten zur Ruhe. Alle zehn Minuten heulen die Triebwerke einer Maschine auf, die auf dem nahegelegenen Flughafen landen. Sie erinnern die Insulaner daran, dass auch Berlin nur eine Insel ist.

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