Sommer der KUNST : Weinen können

Kuratoren erklären, was man sehen muss und was nicht

Was hat Sie am meisten geärgert?

Das Porträt von Sofia Kulig, das während der Documenta im Rembrandt-Raum von Schloss Wilhelmshöhe hängt.

Worüber haben Sie sich am meisten gefreut?

Frankfurt hat mich am meisten beeindruckt. Wie üblich legen die Institutionen der Stadt großartige Ausstellungen vor und bieten eine unglaubliche Vielfalt von Visionen. Aber dieses Mal scheint es, als ob sie sich alle verabredet hätten, Ausstellungen zu veranstalten, die visionär bis an die Grenze der Halluzination sind. Die John Bock-Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle ist eine Reise in eine andere Dimension, Maurizio Cattelans „Old Lady“, die über dem Portikus schwebt, ist eine Art kollektives Wunder, die „Pensée Sauvage“-Ausstellung im Kunstverein war offen für Magie, und Tino Sehgals Arbeit im Museum für Moderne Kunst ist eine faszinierende Versuchsanordnung, in der sich Menschen in eine eigenartig animierte Installation verwandeln. Überhaupt: Udo Kittelmann kann nicht genug gerühmt werden für eine der besten Sammlungspräsentationen. Die in die Wand geschlagenen Stahlbeile von Barry Le Va im Rahmen der Ausstellung „Das Kapital“ sind wahrscheinlich eine der eindrucksvollsten Arbeiten, die ich diesen Sommer gesehen habe: so einfach, so tough und so eine akkurate Verbildlichung unserer neo-fundamentalistischen Zeit.

Auf der Documenta war Artur Zmijewskis Film sich bekämpfender Gruppen eine der besten Arbeiten. Pawel Althamers Pfad und Mike Kelleys Streichelzoo waren zwei großartige Arbeiten bei den Skulptur-Projekten in Münster, die überhaupt als wahrscheinlich beste Großausstellung dieses Sommers durchgehen wird, und sei es nur wegen der Bescheidenheit ihrer Kuratoren. Auch Clemens von Wedemeyers Film „Von Gegenüber“, der in einem Münsteraner Kino gezeigt wird, hat meine Wahrnehmung von Wirklichkeit völlig durcheinandergebracht, und natürlich ist Susan Philipsz’ Stimme immer verführerisch. Und Dominique Gonzales- Foersters Mini-Skulpturenpark ist eine angemessene Mahnung gegen die aufgeblasenen Egos von Kuratoren und Künstlern gleichermaßen.

Welche Entdeckung haben Sie gemacht?

Keine Entdeckung, aber eine Freude: Arbeiten von Jirí Kovanda auf der Documenta wiederzusehen. Sie haben so etwas Einfaches, geradezu Franziskanisches an sich, dass man am liebsten weinen möchte.

Massimiliano Gioni (34) ist Kurator am New Museum for Contemporary Art in New York. Gemeinsam mit Maurizio Cattelan und Ali Subotnick richtete er 2006 die vierte

Berlin-Biennale aus.

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