Sommer-Serie : Nicht ohne meinen Hut

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Wenn einer ein Reise macht, nimmt er ein paar Sachen mit, auf die er unterwegs nicht verzichten kann. Kleine Sommer-Serie über das Rüstzeug des mobilen Menschen. Bisher: der Rucksack (12. 7.); das Taschenmesser (15. 7.); die Sonnenbrille (18. 7.); das Bauchtäschchen (20. 7.). Als Nächstes: der Kompass.

Unser Außenminister glaubt, der Niedergang unserer Zivilisation begann mit der Verschwendungssucht der Unterschichten im alten Rom. Das ist nur zum Teil richtig. In Wirklichkeit begann der Untergang des Abendlandes, als die Menschen aufhörten, Hüte zu tragen. Seitdem ist die Stillosigkeit, egal wie wir das zu vertuschen versuchen, allgegenwärtig.

Nun meinen manche, man könnte einfach wieder beginnen, welche aufzusetzen. Ja, wenn das so leicht wäre. Denn wir haben unsere Hutgesichter verloren. Ein lächerlicher Mensch wirkt mit Hut noch lächerlicher. Der Hut ist der Offenbarungseid eines jeden Gesichts. Und wenn das eigene Kind fragt: „Willst du damit wirklich losgehen?“, so ungefähr in dem Tonfall, in dem unser Außenminister uns das alte Rom erklärt hat, sollte man das durchaus ernst nehmen.

Wenn es den Sommer nicht gäbe, wäre die Rückkehr des Hutes wohl chancenlos. Oder wenn wir immer nur an die Ostsee fahren würden (zu windig!). Es gibt viele Gründe, nach Venedig zu reisen. Der beste ist, dass man mit Hut in dieser Stadt nicht auffällt.

Es sind nicht mehr viele Dinge übrig, an die der moderne Mensch noch glauben kann, aber: Zu jedem Kopf, diese Gewissheit bleibt, existiert irgendwo ein passender Hut. Darum gibt es in Venedig an jeder Ecke diese kleinen Stände, die vor allem Hüte verkaufen, unendlich viele Modelle. Nur Venedig-Anfänger kaufen einen Gondoliere-Hut, womöglich noch mit rotem Band, auf das Gondeln gedruckt sind. In diesem Jahr sind besonders die kleinkrempigen hellen Hüte mit schwarzem Band zu empfehlen. Damit sieht noch fast jeder bedeutender aus, als er ist.

Natürlich gibt es noch viel mehr Gründe für das Hütetragen: Warum sind wir, im Durchschnitt betrachtet, seit der Aufklärung nicht klüger geworden? Es ist nicht fair, allein dem Fernsehen die Schuld zu geben. Es liegt auch an der ungehinderten Sonneneinstrahlung auf unsere Köpfe. Selbst in Venedig sollte man ein paar Regeln beim Hütetragen beachten. Es ist überaus peinlich, wenn er beim ersten Windstoß auf freierem Wasser Richtung Lido davonfliegt. Auch gibt es immer wieder Orte und Zeiten in dieser Stadt, wo der Mensch dem Menschen nicht ausweichen kann, auf der Strada Nuova etwa oder auf dem Vaporetto oder neulich, als die große Love-Parade in Booten auf dem Canal Grande stattfand. Insofern sollte der Durchmesser des Hutes den des Trägers doch nur unwesentlich überschreiten. Der schönste Hut, den ich in diesem Jahr gesehen habe, war aber doch größer: ein unendlich fein gearbeitetes schwarzes Gazemodell mit Blumen.

Vom Hut zur Mütze – das ist der schlimme Weg der Dekadenz. Und am Ende ist auch von der Mütze nur noch der Schirm übrig geblieben, mit ausgeschnittenem Kopfteil, in der Annahme, dass da ohnehin nichts mehr ist, was zu bedecken es lohnte. Und dann noch falsch herum aufgesetzt! Das sind wir. Umso erstaunlicher war der Anblick einer Japanerin, die einen kleinen schwarzen Hut mit einem riesigen Schirm dran trug, der wirkte wie ein verirrter Heiligenschein. Es war die vollendete Harmonie von Hut und Gesicht!

Vereinzelt tragen Frauen anstelle von Hüten wieder Sonnenschirme, aber selbst über deren Zukunft ist noch nicht entschieden. Eine immer beliebtere Ergänzung zum Hut, insbesondere bei Temperaturen ab 40 Grad, ist der Fächer. Gerade saß neben mir im Fenice eine Frau mit Fächer. Wie das klapperte, mitten in Strauss’ „Tod und Verklärung“ hinein. Fächer sind dekadent, affektiert und geschmacklos. Es lebe der Hut!

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