SOMMER Spiele (1) : Drei schönste Sachen

Ob Rituale auf Reisen oder ein Hobby in der schönen Jahreszeit: Sommerspiele müssen nicht stets olympisch sein. In den Ferien erzählen wir hier alle paar Tage von einem saisonalen Lieblingszeitvertreib.

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Angefangen hat das wohl, als der große Sohn acht war, lange her. Es war auf einer wunderbar langen Reise nach Sardinien, und die Familie hatte zum ersten Mal eines dieser Oktavhefte dabei, Vokabelhefte von nicht eben holzfreiem Papier. Erworben hatte der Vater sie auf früheren Reisen, Reststapelware aus restsozialistischen Beständen, er sammelte so was, Marotte oder Leidenschaft oder beides.

Drei schönste Sachen schrieb man abends rein in diese Hefte oder später auch mal in Büchlein mit festerem Deckel, die Dreischönstesachenbücher getauft wurden, drei schönste Begebenheiten des Tages. Anfangs war das ein Spiel des Vaters mit dem großen Sohn, doch schon im ersten Heft war der noch so viel kleinere Bruder mit Krikelkrakel vertreten, und bei der nächsten oder übernächsten Reise kam die Mutter hinzu. Abends also vorm Einschlafen, oft schon halb im Traum, kritzelte die Familie ihre Erinnerungen an den soeben gewesenen Tag in diese Hefte, für morgen oder übermorgen oder irgendwann.

Ein Spiel? Ja, insofern eines, als es unernst betrieben wurde. Und eines insofern mit Regeln, als den Notizen stets die Ziffern 1, 2 und 3 vorangestellt waren. Wobei diese Ziffern, wiederum unernst, die Form von Gesichtern, Tieren oder Dingen annehmen konnten, neben den Textstückchen war das Malen dieser Zahlen der eigentliche Spaß. Die 1: ein aufgeklapptes Taschenmesser. Die 2: eine Giraffe mit sonderbarem Hals. Die 3: zwei Mondsicheln am Kinderhimmel. Und immer, immer so weiter.

Heute schwimmt das durcheinander, die Reisen, die Jahre, die Erinnerungen und die Zahlenhierarchien sowieso. Streng gefragt: Kann es überhaupt „drei schönste Sachen“ geben? Kann ein klar denkender Geist die Frage „Was war denn heute besonders schön?“ mit „Alles!“ beantworten? Aber ja, solange er mit den Kindern Kind ist. Solange auf ein Elternglück ein zweites folgt und sich alle schönsten Sachen, zwar zart verändert, allerschönst wiederholen.

Drei schönste Sachen oder fünf oder sieben. Das erste Schnorcheln im Leben. Das erste „Sams“-Buch in einem Rutsch durchlesen. Die lustige Mückenjagd morgens um sechs. Star-Unterschriften auf Postern fälschen. Ein Bambusstockkampf. Einem Zauberer zusehen, dessen Tricks man kannte, alle bis auf einen. Bis halb zwei mittsommernachts mit dem Vater am Feuer sitzen. Ist ja Sommer. Sind ja Ferien. So’ne Sachen eben.

Das letzte Heft dieser Art entstand zehn Jahre später, da war der kleinere Sohn zwölf. Eine der Dreischönstensachen jener Reise nunmehr zu dritt nach Kreta? Der Junge sitzt am Steuer des geparkten Mietwagens und sagt zu den Eltern: „Kommt Kinder, steigt ein!“ Höchste Zeit, klar, für was anderes. Viel anderes folgte und folgt noch immer und macht, dass man das erste und das zweite und das dritte vergisst. Aber die Dreischönstesachenbücher, die sind immer noch da.

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