SOMMER Spiele (10) : Der Kirsche Kern

Ob Rituale auf Reisen oder ein Hobby in der schönen Jahreszeit: Sommerspiele müssen nicht stets olympisch sein. In den Ferien erzählen wir hier alle paar Tage von einem saisonalen Lieblingszeitvertreib.

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Um gleich zum Kern zu kommen: Mit mir ist gut Kirschen essen. Als Kind verbrachte ich im Juli jeden Nachmittag im Garten auf der Leiter und kletterte ins Geäst – bis ganz nach oben, wo süße Knupperkirschen oder Sauerkirschen hingen. Im Plastikeimer landeten nur wenige, die meisten stopfte ich mir in den Mund. Obwohl es hieß „Davon bekommst du Bauchschmerzen!“ fraß ich mich als Raupe Nimmersatt durch die Fruchtberge, bis der Saft auch das letzte T-Shirt rotfleckig gemacht hatte.

Kirschkernweitspucken gehörte selbstverständlich dazu, ich trainierte täglich mit meinen Kusinen. Wir stellten uns in einer Reihe auf und spuckten mit so viel Karacho, dass sogar Fruchtfleischreste mitgeschleudert wurden. Hinter den Ohren entstand dabei ein taubes Knistern, wie beim Ostereierausblasen.

Wie findet man so einen kleinen Stein im Gras überhaupt wieder? Welcher Kern gehört zu welcher Kontrahentin? Es war ein Wettkampf ohne Regeln, ohne Ziel und ohne klare Siegerin: Wir spuckten etwa gleich weit. Es ging auch nicht ums Gewinnen, wirklich nicht. Es war gut, zusammen im Schatten der alten Bäume herumzustehen. Und zu erzählen hatten wir uns nicht viel.

Irgendwann entdeckten ein neues Spiel: Marmelade machen. In Großmutters Schuppen fanden wir einen uralten Entkerner. Man musste die Kirsche in einen Metallring legen, von oben stach ein Gerät hinab und fertig. Wir entkernten, kochten das Zeug mit Gelierzucker auf, füllten die Fruchtmasse in supersaubere Gläser und malten Etiketten: „Kirschtraum 1984“, „Kirschtraum 1985“.

Dann kam Tschernobyl. Ein Festjahr für Stare. Wir mussten im Haus bleiben. Nur die Großmutter machte den Vögeln ein paar Kilo für ihren strahlenden Kuchen abspenstig, den wir nicht anrühren durften. Gegen die Stare entwickelte mein Großvater unterdessen immer neue Verscheuchungstechniken. Einmal installierte er einen gigantischen Propeller in der Baumkrone, und als er Gift versprühte, verschwanden zuerst die Kirschen, dann die Stare.

Vor zwei Jahren pflückte ich mal wieder, fraß und versaute mir mein T-Shirt wie früher – und wollte Marmelade kochen, mit Großmutters nun verrostetem Entkerner. Doch aus der ersten Kirsche krabbelte ein weißer Wurm, na sowas. Aus der zweiten ebenso. Bei der zehnten Wurmkirsche wurde mir dezent übel – angesichts der in meinem Bauch wohl reichlich versammelten Würmchen.

Schöne Kindheitssommer, schon klar, lassen sich nicht wiederholen. Aber dass man sie stattdessen gleich kiloweise kompostieren soll? Ich weiß nicht.

Bisher erschienen: Dreischönstesachenbücher (23.6.), Sandburgenbauen (26.6.), Wolkengucken (2.7.), Pingpong (4.7.), Wörterverdrehen (7.7.), Minigolfen (10.7.), Lianeschwingen (12.7.), Amerikanerausspionieren (14.7.), Spätschlafengehen (18. 7.)

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