SOMMER Spiele (12) : Wasser, Marsch!

Ob Rituale auf Reisen oder ein Hobby in der schönen Jahreszeit: Sommerspiele müssen nicht stets olympisch sein. In den Ferien erzählen wir hier alle paar Tage von einem saisonalen Lieblingszeitvertreib.

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Wenn wir Wasserträger in den Sommerurlaub einbiegen dürfen, fühlen wir uns aufgedunsen von Überstunden in heißen Großraumbüros und vom allzu leichten Schlaf in der Stadt, die einfach nicht mehr abkühlen will. Der Kreislauf, das spüren wir, liegt darnieder. Unsere Gedanken driften unmerklich rückwärts, zu Erinnerungen an Großeltern, die regelmäßig Orte aufsuchten, die allesamt mit „Bad“ begannen, dort rätselhafte „Anwendungen“ genossen und unergründliche Sprüche wie „Ahrburgunder tut Wunder“ mit nach Hause brachten.

Wer sich heute aufmacht zu den kleinen deutschen Kurorten an ihren kühlen Flussläufen, kann hier in aller Ruhe sein sentimentales Naturell pflegen. Verlassen liegen die Villen, die einst die Kurgäste beherbergten, Zehntausende waren es Jahr für Jahr. Am besten noch hat der Kurpark den Wandel von Demographie und Gesundheitssystem überstanden – und meist birgt er unter schattenspendenden Bäumen noch ein kostenloses Allheilmittel: das Kneippbad.

Eine Reling umfasst das rechteckige Becken, breite Stufen führen ins knietiefe Wasser, das quellkalt nichts von der Sommerhitze weiß. Die einzig zugelassene Bewegungsart darin ist der möglichst bis an die Grenze des Gleichgewichtsverlusts ausgeführte Storchengang. „Wassertreten“ nennen erfahrene Kneippgänger diesen Vorgang, der bis zum Einsetzen des Kälteschmerzes ausgeführt werden soll. Danach, so will es die Wasserkuranleitung, raus aus dem Wasser und die Beine nur leicht abstreifen, keinesfalls aber abtrocknen. Jetzt könnte man noch ans Armbecken wechseln, doch eine Pause wird dringend anempfohlen, 90 Minuten – mindestens.

Also hinauf und unter den weißgetünchten Holzkolonnaden schlendern, an der Musikmuschel vorbei, aus der nun deutlich längst verklungene Takte rinnen. Oder ist es nur die Melodie dieser Wärme, die plötzlich den Körper von innen flutet, das Leitmotiv der neu erwachenden Blutzirkulation im sommermatten Organismus? Unsere in Schweiß erweichte Form strafft sich, gewinnt Konturen zurück. Und das alles rezeptfrei und ohne jene Kompressionsstrümpfe zu kaufen, die Katharina Wagner als „sehr empfehlenswert“ für das andächtige, kreislaufstabile Garen im Bayreuther Festspielhaus bewirbt. Zum Glück gibt es wenige Schritte entfernt auf dem Grünen Hügel auch ein Kneippbecken. Und heiße Würstchen, wie bei Oma.

Bisher erschienen: Dreischönstesachenbücher (23.6.), Sandburgenbauen (26.6.), Wolkengucken (2.7.), Pingpongspielen (4.7.), Wörterverdrehen (7.7.), Minigolfen (10.7.), Lianeschwingen (12.7.), Amerikanerausspionieren (14.7.), Spätschlafengehen (18.7.), Kirschkernspucken (21.7.) und Muschelnsammeln (25.7.).

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