SOMMER Spiele (8) : Damals, im Freibad

Ob Rituale auf Reisen oder ein Hobby in der schönen Jahreszeit: Sommerspiele müssen nicht stets olympisch sein. In den Ferien erzählen wir hier alle paar Tage von einem saisonalen Lieblingszeitvertreib.

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Sie waren ganz anders. Sie trugen Bürstenfrisuren. Sie hatten anstelle von Impfnarben am Oberarm farbige Klekse (heute weiß ich, es handelte sich um selbst gefertigte Tätowierungen). Sie rauchten fremde Marken wie Winston oder Camel. So lagen sie auf der Wiese und bemühten sich um deutsche Frauleins.

Vor allem aber hatten sie eines: Geld. Für einen US-Dollar gab es Anfang der 60er Jahre mehr als vier Mark.

So verliefen die Sommer im Freibad, das direkt am Neckar lag. Wir Kinder spielten meistens Fußball und schwammen. Die Soldaten der drei umliegenden Kasernen hatten hier ihren Kontakthof. Ohne es zu wissen, wurde ich Augenzeuge früher transatlantischer Beziehungen. Manchmal führte der bilaterale Austausch zu einer Schwangerschaft, dann nannte man das nette Mädel von nebenan plötzlich eine Aminutte, ihre Eltern schauten beim Einkaufen auf den Boden.

Mir war das egal. Ich fand diese GIs sprich: Tschie Ais] interessant. Sie wirkten lässig und laut. Und am tollsten war, dass sie Cola und Bier tranken. Auf diese Flaschen musste Pfand bezahlt werden. Und sie brachten die Flaschen selten zum Kiosk zurück; das hatten sie nicht nötig.

So wurde ich zu einem jungen deutschen Spion. Strategie und Taktik gingen so: Nähere dich nie einer Flasche, wenn sie nicht ganz ausgetrunken ist. Lasse die Flasche in Ruhe, während der GI gute Chancen beim Fraulein wittert. Nimm keine Flasche, wenn der GI sie nicht durch ein leichtes Nicken freigegeben hat. Erst wenn die US-Armee am Abend das Freibad geräumt hat, kannst du alle Flaschen gefahrlos einsammeln! Und gegen Pfand eintauschen. An guten Tagen brachte das mehr als ein Monat Taschengeld.

Manchmal gingen die GIs ins Wasser, gern ins Sportbecken mit dem Zehn-Meter-Turm. Sie wollten die deutschen Frauleins außer mit der Potenz des Dollars auch mit Arschbomben beeindrucken. Münzgeld steckten sie in kleine Fächer der Badehose. Beim Aufprall aufs Wasser kam es bisweilen zu Devisenverlusten. Wir Kinder lauerten am Rand, den blau gestrichenen Boden fest im Blick. Bei unruhigem Wellengang waren die Münzen kaum zu sehen, dann tauchte ich auf Verdacht. 4,20 Meter Wassertiefe, die Hände tasteten den Grund suchend nach Barem ab. Die Beute bestand meist aus Pfennigen, der Fund von einem Silberstück war selten. Doch es kam vor und sorgte für sagenhafte Glücksgefühle.

Mein Verhältnis zu amerikanischen Soldaten war viele Sommer lang absolut einwandfrei. Dann kam der Vietnamkrieg.

Bisher erschienen: Dreischönstesachenbücher (23.6.), Sandburgenbauen (26.6.), Wolkengucken (2.7.), Pingpong (4.7.), Wörterverdrehen (7.7.), Minigolf (10.7.), Lianeschwingen (12.7.)

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