Kultur : "Sommer wie Winter": Sommerliebe

Cristina Moles Kaupp

Wann beginnt Liebe, und wie geht das Leben? Schwierige Fragen. Besonders für einen Teenager kurz vor seinem Coming Out. Mathieu heißt der 18-Jährige, den Regisseur Sébastien Lifshitz mitten hinein in die trägen Sommertage am Strand eines Städtchens in der Bretagne schickt. Die Sonne sticht, die Seele brennt, und braungebrannte Jungs lümmeln im Sand. "Sommer wie Winter" kennt die Klischees, spielt mit ihnen und zerstört sie immer wieder mit schroffen Szenen, die erst viel später geschehen - dann, wenn es wieder Winter ist.

Noch schlurft Mathieu unbeholfen durch die hellen Ferientage, die ihre frühere Leichtigkeit verloren haben: Die Mutter leidet an Depressionen, weil ihr jüngstes Kind gestorben ist, der Vater glänzt durch Abwesenheit. Der Junge entzieht sich, ist verschlossen. Einmal findet er ein totes Vögelchen im Wald und versengt mit der Zigarette dessen Gefieder, seltsam ungerührt: Weder mit dem Tod noch mit dem Leben weiß er etwas anzufangen. Doch dann entdeckt er den gleichaltrigen Cédric am Strand, oder ist es eher umgekehrt? Ein Flirt, schüchterne Annäherung, Sex im Sand und plötzlich ist es wilde Liebe. Von einer simplen Liebesgeschichte ist "Sommer wie Winter" jedoch weit entfernt; ihr Verlauf interessiert den Regisseur auch nicht weiter. Sie wird noch ein paar Monate dauern, dann ihren Glanz verlieren und zerbrechen. Es geht um Mathieus Inneres: wie er mutig seine Gefühle verteidigt, sich bedingungslos zu dem lebenshungrigen Cédric stellt. Und wie er plötzlich im Krankenhaus liegt mit einem Stück Plastikschlauch im Mund, um eine Überdosis Schlaftabletten herauszupumpen. Lifshitz liebt harte Schnitte, sperrt sich gegen Chronologie. Und zeichnet sensibel psychologische Muster. Nicht die Liebe warf den Jungen aus der Bahn, die Weichen standen schon vorher auf Depression. So wird es Winter - und Mathieu erwachsen.

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