Kultur : Sommerhaus, früher

Litauen wirbt mit Thomas Manns Residenz auf der Kurischen Nehrung um Touristen

Anja Hennig

„Kennen Sie die Dünen bei List auf Sylt? Man muss sie sich verfünffacht denken, man glaubt in der Sahara zu sein.“ Thomas Mann war von der wasserumsäumten Landzunge mit der eigenwilligen Schönheit beeindruckt. Nur vier Tage weilte die Familie Mann 1929 in dem litauischen Fischerdorf Nida (deutsch: Nidden) auf der Kurischen Nehrung, ehe sie beschloss, nahe der ostpreußischen Grenze ein Sommerhaus zu bauen.

Seit 1996 leuchtet das Holzhaus mit Reetdach wieder im traditionellen Rostrot, Blau und Weiß und blickt vom „Schwiegermutterberg“ auf die Weite des Kurischen Haffs. Heute beherbergt es zwei litauische Einrichtungen: das Thomas-Mann-Museum und das Thomas-Mann-Kulturzentrum. Vom ursprünglichen Interieur ist nichts erhalten, nur ein maßgefertigter Stuhl steht rekonstruiert im Parterre. Dafür dokumentieren eine Fotoausstellung und eine Handbibliothek die Sommermonate der Manns in den Jahren 1930 bis 1932. In dieser Zeit verfasste Thomas Mann in Arbeitszimmer und eigens importiertem Strandkorb die Romantrilogie „Joseph und seine Brüder“.

Über fünf Jahrhunderte gehörte das Land am Fluss Memel (heute Nemunas) zu Preußen. Es war der östlichste Zipfel des Deutschen Reichs und stets ein multiethnisch geprägter Landstrich: Vor allem Deutsche, Kuren, Litauer, Polen und Russen lebten dort miteinander– meist friedlich. Bis die beiden Weltkriege dieses Bild radikal veränderten. 1919 ging das Memelland als Kleinlitauen an die Siegermächte über. Vier Jahre später besetzten es litauische Freischärler.

Als die Familie Mann 1930 ihr Sommerdomizil in Nida bezog, sprach man auf der Nehrung weiterhin Deutsch sowie Kurisch und Litauisch, „sehr eigentümliche Sprachen“, wie Thomas Mann fand. Noch aus Nida protestierte er 1932 öffentlich gegen die ersten blutigen Übergriffe der SA im benachbarten Königsberg. Als er daraufhin bedroht wurde, verließen die Manns im September 1932 die Kurische Nehrung – für immer.

1939 wurde Kleinlitauen von Deutschland annektiert. Das Sommerhaus ging als „Jagdhaus Elchwald“ an Hermann Göring über. Als 1940 die Rote Armee anrückte, flohen die verbliebenen Deutschen von der Nehrung. Nach erneuter deutscher Besatzung wurde Litauen mit Kriegsende endgültig sowjetisch. Das beschädigte Sommerhaus allerdings entkam seinem Abriss. 1961 wurde dort die Mann-Gedenkstätte als Bibliothek eröffnet: das einzige Memorial in der Sowjetunion für einen deutschen Schriftsteller.

1995 gründeten das litauische Kulturministerium und die Universität Klaipeda sowie die Gemeinde Nida dort das Thomas-Mann-Kulturzentrum, das seitdem ein internationales Kuratorium leitet. Mit der EU-Erweiterung hat sich die geopolitische Landkarte erneut verändert. Nun mündet vier Kilometer westlich von Nida die erweiterte EU sanft in einer Düne. Dahinter beginnt mit Kaliningradskaja Oblastj, dem Regierungsbezirk Königsberg, die Russische Föderation.

Seit 1991 ist die Nehrung wieder geteilt; vieles wäre einfacher, wenn es keine Visumpflicht gäbe: Nicht nur die Anreise aus Deutschland über den russischen Teil der Nehrung ginge um Stunden schneller. Auch ließe sich besser mit Kaliningrader Einrichtungen zusammenarbeiten, sagt Eva Pluharova-Grigiene, die für die Robert-Bosch-Stiftung als Kulturmanagerin arbeitet. Sie träumt von einer Ausstellung, die der vergessenen Malerkolonie um Max Pechstein, Lovis Corinth oder Ernst-Ludwig Kirchner, die alle einmal in Nida weilten, gewidmet ist. Doch die Entwicklung eines dafür notwendigen Konzeptes von Kulturtourismus wäre ein Millionenprojekt. Im Moment ist kaum die Grundversorgung gewährleistet: Sponsoren werden dringend gesucht.

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