Sommerhits (10) : Prog-Rock vor dem Prado

Ob alte Schlager im Autoradio oder scharfe Rhythmen am Strand: Sommerhits gehören zum Urlaub wie die Sonnenbrille. In den Ferien erzählen wir von der besten Musik für die heiße Jahreszeit.

Ken Münster
Empfang mit Musik. Unser Autor spielte mit seinen Freund vor dem Museo del Prado in Madrid.
Empfang mit Musik. Unser Autor spielte mit seinen Freund vor dem Museo del Prado in Madrid.Foto: picture alliance / dpa

Vor einigen Jahren, als ich jung war, brach ich mit einem Freund zu einer ausgedehnten Sommerreise über die iberische Halbinsel auf. Wir reisten zu viert: Gitarre und Saxofon waren unsere ständigen Begleiter. Erspartes hatten wir nur wenig, doch wir mochten es so. Wir waren Bordsteinbohemiens. Schliefen draußen, wuschen uns auf öffentlichen Toiletten und tranken billigen Wein auf marmorverzierten Plätzen.

Unser Repertoire war dünn, wir hatten wenig geübt. Und ehrlich gesagt: Wir waren einfach schlecht. Die paar Groschen, die man uns vor die Füße warf, galten eher dem naiv ungestümen und guerillaartigen Charme, den wir den Menschen vor dem Museo del Prado in Madrid aufdrängten. Nach dem Staunen über die Gottheiten der europäischen Kunstgeschichte konnten sie unserem dilettantischen Empfang nicht entgehen.

Ein Altmeister aller Stile

Eines Nachmittags trafen wir zwei spanische Musiker. Dem Älteren gaben wir den Spitznamen „Sonny Boy Williamson“ – er spielte Mundharmonika und hatte ebenso wenige Zähne wie das Original, ein amerikanischer Bluesmusiker. Der Jüngere schmetterte virtuos in die Nylonsaiten seiner Gitarre. Irgendwo zwischen den Planeten Prog-Rock, Folk und Flamenco gab es einen interstellaren Schmelzpunkt, auf den dieser Altmeister aller Stile – so zumindest meine damalige Wahrnehmung –während unseres privilegierten Privatkonzerts in Lichtgeschwindigkeit zusteuerte. Die schemenhaften Klänge des Gitarristen begleiteten mich lange. Sie waren Teil des dumpfen Soundtracks auf den Zugreisen durch die andalusische Prärie, wenn meinem Ipod der Strom ausging.

An einzelne Songtitel kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch das schwarze Plektrum, das die inkarnierte Fusion aus Hendrix und Paco de Lucía in der Hastigkeit ihres Aufbruchs liegen ließ, liegt noch heute irgendwo in einem Schuhkarton im Keller. Ab und an sehne ich mich nach diesem Sommer zurück, auch nach den Momenten, die kalt und boshaft waren. Wie eines frühen Morgens, als uns friedlich Ruhenden die Sprinkleranlage eines Madrider Parks aus dem Nichts heraus rhythmisch ins Gesicht spuckte und das grüne Paradies, wo wir im Schatten schlafen konnten, urplötzlich in feuchtkaltes Feindgebiet verwandelte.

Auf Reisen gibt es keine grauen Haare

Mein Reisekumpan, mit dem ich immer noch eng befreundet bin, hat sich kürzlich ein neues Saxofon gekauft. Meine Gitarre habe ich vor Kurzem aus dem Koffer geholt. Seitdem steht sie in der Ecke und kämpft täglich um Aufmerksamkeit. Vielleicht brechen wir ja noch mal auf. Wir sind zwar nicht mehr die Allerjüngsten, unser halbwüchsiger Wahnsinn wurde durch postjuvenale Lehrjahre und die Wirren des echten Lebens langsam, aber stetig glattgeschliffen. Doch was hat das schon zu heißen. Auf Reisen gibt es keine grauen Haare.

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