Sommerhits (3) : Akkucalypse now

Ob alte Schlager im Autoradio oder scharfe Rhythmen am Strand: Sommerhits gehören zum Urlaub wie die Sonnenbrille. In den Ferien erzählen wir von der besten Musik für die heiße Jahreszeit.

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Bilderbuch-Frontmann Maurice Ernst sieht sich in "Bungalow" mit einer Katastrophe konfrontiert: Sein Handyakku ist fast leer.
Bilderbuch-Frontmann Maurice Ernst sieht sich in "Bungalow" mit einer Katastrophe konfrontiert: Sein Handyakku ist fast leer.Foto: Youtube

Die Berliner Open-Air-Saison ist bisher ein ziemlicher Flop. Meistens heißt es Regenjacke statt T-Shirt, nasse Füße statt Sonne im Gesicht. Eine Ausnahme: das Peace x Peace-Benefizfestival in der Waldbühne. Wahrscheinlich wollte der Wettergott an diesem Junisonntag den Organisator und Sänger Fetsum unterstützen, der zusammen mit Bands wie Freundeskreis, den Fantastischen Vier und den Beginner über 400 000 Euro für Kinder im Krieg und auf der Flucht sammelte. Es gibt aber noch einen viel wahrscheinlicheren Grund für den strahlenden Sonnenschein: Die Wiener Band Bilderbuch brauchte die passende Atmosphäre für ihren Sommerhit „Bungalow“ und hatte mit ihren Superkräften ein Hoch erzwungen. Weshalb es dann auch einer der beglückendsten Konzertmomente des Jahres war, als das Quartett gegen Ende zu diesem Wunder von einem Song kam.

Schon der Plucker-Glucker-Reggae-Vibe setzt bei mir Endorphine frei. Und dann all die sexy Glitzereffekte, die sie mit grandioser Schamlosigkeit drüberstreuen! Sogar das bescheuerte E-Gitarrensolo in der Mitte des Stücks lässt mich grinsen. In der Waldbühne besonders breit. Aber „Bungalow“ funktioniert auch zu Hause, vor allem wenn man sich den überkandidelten Videoclip anschaut, in dem Sänger Maurice Ernst mit nacktem Oberkörper an einer Pole-Dance-Stange herumturnt, oder im weißem Rollkragen- Pullover und überdimensionaler Sonnenbrille auf zwei Mobiltelefone glotzt. Eine Katze kommt auch vor.

Es ist ein Overkill beknackter Posen, die allerdings die Debilität des Texts kongenial spiegeln. Grob gesagt geht es um ein verpasstes Date: Die Frau ist zu spät dran, und das Song-Ich macht sich schon auf den Heimweg, bis sie plötzlich anruft und die Stimmung steigen lässt. Im Refrain heißt es: „Komm vorbei in meinem Bungalow!/ Ich hab Snacks für die Latenightshow/ Mama kocht für alle/ Mama kocht für mich und dich/ Komm vorbei in meinem Bungalow!/ By the rivers of cash flow.“

Der moderne Mitteleuropäer - hilflos ohne sein Handy

Es wird getrunken, Pillen geschmissen, alles toll. Doch dann die Krise: Das Mobiltelefon des Sängers hat keinen Strom mehr. Deshalb fleht er – akzentuiert von kleinen Falco-Stöhnern – sein Gegegenüber an: „Baby, leih mir deinen Lader/ Ich brauch mehr Strom“. Im Video liegt Maurice Ernst an dieser Stelle mit dem Kopf auf der Tischplatte. Ja, so ist das mit dem modernen Mitteleuropäer: Ohne Handy ist er nicht mehr candy, um es mit einem Reim aus der ersten Strophe zu sagen.

Stimmt schon. Mir hilft Musik aus dem Mobiltelefon zum Beispiel, um in diesem Anti-Sommer nicht in Übellaunigkeit zu verfallen. Das Bilderbuch-Album „Magic Life“, auf dem sich „Bungalow“ befindet, geht immer. Gegen den Regen angrinsen, einen Sommerhit im Ohr.

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