Sommerhits (9) : Kühle Winde, ferner Sound

Ob alte Schlager im Autoradio oder scharfe Rhythmen am Strand: Sommerhits gehören zum Urlaub wie die Sonnenbrille. In den Ferien erzählen wir von der besten Musik für die heiße Jahreszeit.

von
Hier, am Strand von Barcelona, wurde unsere Autorin Zeugin eines Sommerhit-Videodrehs.
Hier, am Strand von Barcelona, wurde unsere Autorin Zeugin eines Sommerhit-Videodrehs.Foto: dpa / picture-alliance / Manu Fernandez

Mit dem Sommerhit verbindet sich für mich das Bild vom Strand, die Sonne blitzt, der Wind weht sanft durch die Palmen. Und dann setzt die Musik ein, irgendein Song. Es könnte das meckernde „Macarena“ von Los del Río sein, das sich gnadenlos in die Ohren bohrt und dort erst einmal bleibt. Oder Lou Begas schmeißt gnadenlos den Gute-Laune-Motor an mit seinem „Mambo No. 5“, bei dem er sich verschiedene Gespielinnen herbeifantasiert: A little bit of Monica in my life, A little bit of Erica by my side, A little bit of Rita, Tina, Sandra etcetera.

Die von der Hitze schläfrigen Strandbesucher hält es nach den ersten Takten nicht länger auf ihren Liegen und Matten. Sie springen wie elektrisiert auf, stellen sich hintereinander in lange Reihen und beginnen wild die Hüften zu schwenken. Als wären sie ferngesteuert durch die eingängige Musik. Die Choreografie ist wie der Song eher schlicht gestrickt: die Arme erst rechts, dann links nach vorne werfen und schließlich lasziv am Nacken verschränken. Als nächstes ein Hops, ein Viertelsprung um die eigene Achse erst in die eine, dann die andere Richtung. Und schon beginnt die Bewegungsabfolge von vorne. Dabei strahlen alle um die Wette mit der Sonne.

Ein Musikfilm ohne Sound

Seit unseren Osterferien vor ein paar Jahren in Barcelona aber weiß ich, wie viel harte Arbeit dahinter steckt, dass alle so irre happy ausschauen, dass es lustig wirkt, wie die verrückten Typen vom Sommerhit angesteckt auf einmal zu tanzen beginnen. Unsere Bleibe befand sich damals nicht weit vom Strand in dem einst für die Olympiade erbauten Quartier. Der Freund einer Freundin hatte uns seine Ferienwohnung überlassen. Dass es der frühere Produzent von Brian Eno und Peter Gabriel war, machte es noch spannender. Musik lag in der Luft. Vormittags ging es zu Besichtigungen in die Stadt, nachmittags als ausgleichende Gerechtigkeit für die Kinder an den Strand, wo für die Erwachsenen Volleyballnetze bereit standen und der Nachwuchs mit den Mini-Talenten Barcelons kickte.

Eines Nachmittags allerdings war der Strand gesperrt. Die von ihren Vergnügungen auf dem Sand ferngehaltenen Besucher beugten sich tief von der Promenade runter, um einen Blick auf das Schauspiel zu erhaschen, das sich ihnen unten am Meeresufer bot. Auch wir konnten zunächst nicht glauben, was wir da sahen: eine Fata Morgana? Nein, ein Musikfilm, durch das Meeresrauschen, die Distanz zum Geschehen allerdings gänzlich ohne Sound. Ein Haufen verrückter Typen hatte sich da versammelt, trotz der im Frühjahr noch empfindlichen Kühle nur mit Hotpants und knappen Oberteilen bekleidet, Afrolook und Federboa gehörten zum schrillen Outfit dazu.

Synchrones Hinterngewackel

Auf den Wink eines Zampanos formierte sich die ausgelassene Schar ein ums andere Mal in Reihen, begann synchron mit den Hintern zu wackeln, die Arme hochzureißen und mit den Knien zu schlottern. Eine Kamera fuhr auf einer Schienenstrecke vor den Tanzenden auf und ab. Cut, noch einmal von vorne.

Für welchen Song die Truppe drehte, ob es wenige Monate später wirklich zu einem Knaller wie „Macarena“ oder „Mambo No. 5“ in den Neunzigern wurde, weiß ich nicht. Nur dass mir die Tänzer irgendwann leid taten, wie sie da in der frischen Brise leicht betucht immer und immer wieder die gute Laune, das Sommerfeeling imitierten. Auch das Publikum zerstreute sich recht bald. Die heißen Rhythmen fehlten eben.

Bisher erschienen: „Despacito“ (23. 7.), „A Whiter Shade Of Pale“ (27. 7.), „Bungalow“ (30.7.), „Cha Cha 2000“ (2. 8.), „Das Lied vom Edelweiß“ (6. 8.), „Wednesday Morning 3. A.M.“ (9. 8.), „Whalers“ (14.8.), „Van der Graaf Generator“ (20. 8.)

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben